Steueroase

 

Leseprobe

Auszug aus dem Buch "Die Geldlawine". Im Text erwähnte Nummerierungen beziehen sich auf andere Kapitel des Buches. Die ggf. nachfolgenden Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt, um das Lesen am Bildschim zu erleichtern. Links wurden ebenfalls nachträglich eingefügt. 

6.1.11.: Das Qualitätsproblem

Das Bundesgesundheitsministerium (BMGS) stellte gemeinsam mit dem IQWIG (6.2.8.) in einer Pressemitteilung vom 10.11.2005 das Ergebnis einer Qualitätsstudie über Deutschlands Gesundheitssystem vor:

Das BMGS feierte dieses desaströse Ergebnis mit „Gute Noten für medizinische Versorgung in Deutsch-land“. Das kann und darf man aber auch anders sehen. Deutschland besitzt tatsächlich nicht mehr und nicht weniger als eines der am wenigsten schlechten Gesundheitssysteme der Welt. Ob etwas als gut oder schlecht betrachtet wird, ist eine Frage der Relation (z.B. Vergleich mit dem noch schlechteren Ausland), des Maßstabs (das machbare und finanzierbare Optimum) und der Perspektive (z.B. ob man einerseits die Verantwortung für die Mängel trägt oder andererseits als Patient schlechte Erfahrungen gemacht hat). Daß der Ver-gleich mit den schlechteren Gesundheitssystemen anderer Nationen kein Maßstab sein kann, zeigt u.a. Laurie Garrett in ihrem Buch „Das Ende der Gesundheit. Bericht über die medizinische Lage der Welt“.

Dabei enthält die o.g. BMGS-Studie sogar noch mehrere Fehlerquellen. Erstens ist die Datenbasis mit 1.474 Patienten zu gering, um repräsentativ zu sein. Zweitens ist die Qualität der Antworten beschönigend, weil lediglich eine telefonische Befragung medizinischer Laien stattfand. Hätten die Patienten medizinisches Wissen und Vergleichsmöglichkeiten, wären ihnen wahrscheinlich wesentlich mehr Fehler aufgefallen. Das Ergebnis wäre demnach noch wesentlich schlechter ausgefallen, wenn sich die Verfasser der Studie die Mühe gemacht hätten, die Krankenakten zu studieren. Wer diese miserable Benotung als „gut“ feiert, stellt seine fachliche Eignung und politische Kompetenz infrage.

Offensichtlich und allen Beteiligten bekannt ist das Problem der Arbeitsüberlastung in Krankenhäusern. Mit 80-Stunden-Wochen, 32-Stunden-Schichten und 1 Milliarde (unbezahlter) Überstunden verursachen die  etablierten Parteien und Klinikleitungen durch völlig übermüdete Ärzte unverantwortlich viele Behandlungsfehler. Lt. Robert-Koch-Institut sind jährlich rd. 40.000 Behandlungsfehler so schwerwiegend, daß die be-troffenen Patienten gerichtlich dagegen vorgehen. Lediglich in jährlich 12.000 Fällen gelingt es den Patien-ten, vor Gericht den äußerst schwierigen Nachweis von Behandlungsfehlern zu erbringen (Horst Güntheroth, Constanze Löffler: „Wenn unser Ärzte versagen“, Der Stern Nr. 51/2004). Aufgrund des sehr hohen Ver-trauens in die Ärzte und des unzureichenden eigenen medizinischen Sachverstands liegt die Toleranzschwel-le der Patienten enorm hoch, so daß die Dunkelziffer der unerkannten und tolerierten Behandlungsfehler um ein zigfaches darüber liegt. So sind z.B. bis zu 90% aller Brustkrebsdiagnosen falsch - verursacht durch veraltete Röntgengeräte und schlecht ausgebildete Ärzte (Birgit Matuschek-Labitzke: „Zufall, wenn ein Tumor entdeckt wird“, SZ 27.07.2001). Und selbst bei der technisch modernsten Mammographie (Brustkrebsunter-suchung) mit digitaler Bildverarbeitung kommen auf 78.000 entdeckte Tumore immer noch 36.000 überse-hene Tumore (Klaus Koch: „Die gepixelte Brust“, SZ 28.10.2005).

Für Patienten seltener/komplexer Krankheiten und für Kinder gibt es fast keine speziellen Medikamente, weil der Markt den Pharmakonzernen zu klein ist. Kinder werden mit niedriger dosierten, aber ungeeigneten Erwachsenen-Medikamenten behandelt, wobei der verantwortliche Arzt oft mit einem Bein im Gefängnis steht. Auch auf die unterschiedlichen körperlichen Eigenschaften und Mehrfacherkrankungen von Senioren wird unzureichend Rücksicht genommen. Viele ältere Patienten leiden gleichzeitig unter Bluthochdruck, Diabetes, Knochenschwund, Rheuma und Atemwegserkrankungen. Dagegen erhalten sie oft Medikamente, die sich entweder gegenseitig unwirksam machen oder zu neuen, unerwünschten Nebenwirkungen kombinieren. Vollkommen vernachlässigt wird auch die Tatsache, daß Medikamentenstudien fast ausschließlich an Männern durchgeführt werden. Die Wirksamkeit auf weibliche Patienten kann jedoch weit daneben liegen – je nachdem, inwiefern z.B. weibliche Hormone und Organe Einfluß auf Erkrankungen und Heilungsprozesse haben. Es bedarf also auch spezieller Medikamente für Frauen. In den USA gibt es seit kurzer Zeit sogar spezielle Medikamente für Afroamerikaner, weil deren genetische Struktur sich von Kaukasiern (Weißen) nun einmal unterscheidet. Politisch inkorrekt – aber medizinisch unerläßlich.

19.491 in Deutschland verschreibungspflichtige Arzneimittel verursachen Neben- und Wechselwirkungen. Die Zahl der Deutschen, die Gesundheitsschäden durch Medikamente erleiden, schwankt je nach Expertenmeinung zwischen Hunderttausenden und Millionen. Genau weiß das niemand. Je nach Intensität des Einzelfalls ist es auch schwierig, eine Grenze zu ziehen. Bei jährlich 88.000 Menschen sind die Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten auf jeden Fall so stark, daß sie eine stationäre Krankenhausbehandlung benötigen. In den internistischen Abteilungen deutscher Krankenhäuser nehmen Patienten durchschnittlich 8 verschiedene Medikamente ein. Es existieren jedoch keine wissenschaftlichen Studien über Wechselwirkungen von mehr als 2 Medikamenten. Folglich erhalten z.B. zwei Drittel der Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion eine falsche Dosis.

Neutrale Experten schätzen die Zahl der Toten durch Medikamentennebenwirkungen in deutschen Krankenhäusern auf jährlich 58.000 Menschen (z.B. Professor Jürgen Fröhlich, Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie an der Medizinischen Hochschule Hannover: „Jeder Patient ist ein Experiment“, Interview mit Nicole Heissmann, Der Stern Nr. 37/2003). Die Pharmaindustrie rechnet die Zahl auf „nur“ 16.000 Tote jährlich herunter (Werner Bartens: „Tod aus der Pillendose“, SZ 18.04.2005). Hinzu kommen in Deutschland lt. „Kompetenznetzwerk Sepsis“ jährlich ca. 57.000 Todesfälle durch Sepsis (Blutvergiftung durch Infektionen). Das ist das 10-fache der offiziellen Statistik (Günther Stockinger: „Tod im Zeitraffertempo“, Der Spiegel Nr. 37/2005). Jährlich ziehen sich in deutschen Krankenhäusern ca. 800.000 Patienten eine Infektion zu (www.elfenbeinturm.net/archiv/2002a/sitt.html). In ca. jedem 4. Todesfall in Krankenhäusern haben die Ärzte die falsche Ursache diagnostiziert (Bert Ehgartner, Kurt Langbein: „Der Sündenfall“, SZ 28.05.2002).

Nach einer Umfrage der wichtigsten US-Ärztezeitung „“New England Journal of Medicine“ hat „ein Drittel der US-Mediziner den Fall eines Behandlungsfehlers mit tödlichem Ausgang im eigenen Familienkreis er-lebt“. Jährlich sterben in US-Krankenhäusern bis zu 98.000 Menschen an Behandlungsfehlern (Andrian Kreye: „Wenn der Arzt das Falsche tut“, SZ 15.01.2003). Umgerechnet auf Deutschland heißt das: Wahr-scheinlich sterben in Deutschland rd. 28.000 Patienten durch Behandlungsfehler im Krankenhaus. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie schätzt die Zahl auf 15.000. Selbst das sind immer noch dop-pelt so viele Tote wie durch Verkehrsunfälle. Die Zahl der Patienten, die kranker aus einem deutschen Kran-kenhaus entlassen werden, als sie hineingingen, wird auf mindestens 100.000, wahrscheinlicher sogar 500.000 Menschen jährlich geschätzt (Dr. Vernon Coleman: „Wie Sie Ihren Arzt davon abhalten, Sie umzu-bringen“). Rechnet man 58.000 Tote durch Medikamentennebenwirkungen, 57.000 Tote durch Blutvergiftungen/Infektionen und 28.000 Tote durch Behandlungsfehler zusammen, kommt man auf jährlich 143.000 vermeidbare Tote in deutschen Krankenhäusern. Insgesamt sterben ca. 0,8 % der 16,7 Mio. jährlichen Kran-kenhauspatienten durch Fehler im Medizinbetrieb. Eines dieser Opfer war mein Vater.

Peter Sawicki, Leiter des „Instituts für Qualität im Gesundheitswesen“ (6.2.8.), formuliert die Erkenntnis: „Jede Behandlung ist prinzipiell erst einmal ein Schaden, den man dem Patienten zufügt. Wenn man nicht weiß, daß man mit einer Therapie mehr nützt als schadet, darf man sie nicht machen“ (Veronika Hackenbroch: „Wir lernen, uns zu wehren“, Der Spiegel Nr. 39/2005). Sawicki unterscheidet zwischen zufälli-gen Flüchtigkeitsfehlern (z.B. Amputation des falschen Beins) und systematischen Fehlern, bei denen schlecht ausgebildete / unzureichend weitergebildete Ärzte tun, was früher als richtig galt (z.B. Vorbeugung von Herzinfarkten und Wechseljahr-Beschwerden durch die Hormontherapie – von der man mittlerweile weiß, daß sie Herzinfarkte, Schlaganfälle und Brustkrebs verursacht). In den Kliniken ist es üblich, daß sich sämtliche Ärzte den Methoden des Chefarztes unterwerfen – auch wider besseres Wissen, weil sie in den hierarchischen Strukturen der Kliniken keine Chance haben, auch nur Zweifel anzumelden. Statt allgemein-gültiger, nachvollziehbarer Behandlungsleitlinien „ist der Chefarzt die Krankenhausleitlinie“ (Peter Sawicki, Andreas Hoffmann: „Die Ärzte taten so, als wären sie unfehlbar“, SZ 03.05.2005).

Der Umgang mit Fehlern ist in Deutschlands Gesundheitssystem generell mangelhaft. Wer Behandlungsfehler eingesteht, kann Patienten, Umsatz und die berufliche Existenz verlieren. So ist es kein Wunder, daß Ärzte/Kliniken voll motiviert sind, sowohl persönliche als auch systembedingte Fehler zu verschweigen zu und vertuschen. Zusätzlich begehen Haftpflichtversicherungen zahlreiche schwere Straftaten (6.2.7.), indem sie (zur Profitmaximierung) versicherte Ärzte und Kliniken zwingen, Fehler zu bestreiten (Dr. med. Monika Günther, Rechtsanwältin für Arzthaftung: „Versicherung verhängt Maulkorb“, SZ 25.06.2005). Auch Ärztekammern und KV/ZKV tun sich schwer mit der Aufklärung von Kunstfehlern ihrer Mitglieder. So wie im Fall von Dr. Gisa P. oder „Dr. Horror“, wie sie die Kölner Lokalpresse nannte. Dr. Gisa P. ruinierte mindestens 70 Patienten ihre größtenteils gesunden Gebisse, um sich „am Leid ihrer Patienten finanziell zu bereichern“ (Opferanwältin Maria Steinert). Die Zahnärztekammer verhielt sich zunächst trotz massiver Patientenbeschwerden gleichgültig. Nach ihrer gerichtlichen Verurteilung gab Dr. P. ihre Kölner Zulassung zurück, zog 2001 nach Hamburg um und praktizierte dort weiter. Dabei nutzte sie die ungenügende Zusammenarbeit der lokalen Kassenzahnärztlichen Vereinigungen. Als man ihr nach den zu erwartenden Behandlungsfehlern und gerichtlichen Klagen der misshandelten Patienten ihre Hamburger Zulassung entzog, wechselte Dr. P. nach Sachsen Anhalt und meldete sich bei der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt an. Da auch die Zahnärztekammer Hamburg keine Informationen an die Kollegen in Sachsen-Anhalt sandte, war Dr. P. befugt, in Magdeburg Privatpatienten zu behandeln (Barbara Hübner: „Fahrendes Gewerbe“, SZ 02.06.2004).

Selbst jährlich 1.000 vermeidbare Todesfälle wären ein Skandal. Da die Beteiligten (Ärzte, Krankenhäuser, Pharmaindustrie, Gesundheitspolitiker) diese Fehler nicht thematisieren wollen, gibt es keine diesbezügliche (neutrale) Studie über das Risiko, in deutschen Krankenhäusern durch vermeidbare Fehler zu sterben. Die Patienten bleiben uninformiert weiterhin außen vor.

Was geschähe, wenn man Einlieferungen in Krankenhäusern nur noch in Notfällen vornähme? In Israel sank die Zahl der Toten beträchtlich, als bei einem landesweiten Streik des Krankenhauspersonals wochenlang überhaupt keine planbaren Operationen durchgeführt wurden (Jörg Blech: „Sinnlos unterm Messer“).

Die Zulassung von Medikamenten ist eine der Fehlkonstruktionen der EU. Verweigert die deutsche Arznei-Zulassungsbehörde „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“ (BfArM, finanziert sich zu 70% aus Gebühren der Pharmaindustrie) überflüssigen und gefährlichen Medikamenten die Zulassung, dürfen die Pharmakonzerne nach EU-Recht auf das laxeste EU-Land ausweichen. Die europäische Zulassungsbehörde EMEA schließt sich grundsätzlich an, und damit ist der Weg zu deutschen Patienten frei. Theoretisch läßt die EMEA alle Medikamente zu, deren Nebenwirkungen tolerierbar sind und deren Wirksamkeit in klinischen Studien nachgewiesen wurde. Da die Pharmakonzerne die Studien ihrer eigenen Produkte finanzieren, mani-pulieren und im Mißerfolgsfall meist verschwinden lassen, läßt die EMEA auch wirkungslose und nicht so-fort schädliche Medikamente zu. Bruno Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, bemängelt außerdem, daß das BfArM die Zulassungsstudien geheim hält. Das BfArM begründet dies mit Betriebsgeheimnissen der Pharmaindustrie (Gerald Traufetter: „Wettbewerb um Genehmigungen“, Der Spiegel Nr. 6/2005). Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des „Arznei-Telegramms“, benennt eine Schwachstelle des Systems: „Wenn ein Medikament vermarktet wird, wird es wie in einem unkontrollierten Feldversuch auf die Menschheit losgelassen.“ Dabei wären bewährte Arzneien (deren Patentschutz meist abgelaufen ist) oft mindestens genauso wirksam und auf jeden Fall sicherer und billiger (Jan Schweizer: „Aus Erfahrung gut“, Der Stern Nr. 44/2004).

Welches Krankenhaus ist wirklich gut? Welche Station ist gut und welche nicht? Welcher Arzt ist gut? Heu-te mißt man Quantität statt Qualität. Daher gilt z.B. eine chirurgische Abteilung X, die eine schlechte Opera-tionsmethode häufig durchführt, als besser als eine chirurgische Abteilung Y, die den gleichen Eingriff bes-ser, aber seltener durchführt. Deutschlands Patienten haben keinerlei Zugang zu aussagefähigen und neutra-len Informationen. Selbst Ärzte bauen ihre Meinung über die Qualität ihrer Fachkollegen vorwiegend auf Hörensagen auf. Über Ärzte anderer Fachrichtungen hat praktisch kein Arzt eine sachlich nachvollziehbare Meinung. Gesundheitspolitiker tappen ohnehin im Dunkeln.

Der Initiativkreis Ruhrgebiet hat mit dem „Klinik-Führer Ruhrgebiet“ einen ersten Versuch unternommen, Transparenz ins Dunkel der Krankenhausqualität zu bringen. Zwecks Quali-tätskontrolle muß jedes Krankenhaus seine selbst ermittelten Ergebnisse an die Bundesgeschäftsstelle für Qualitätssicherung (BQS) senden (www.g-qb.de). Mit anderen Worten: Die Kliniken schreiben sich ihre „Qualitätsberichte“ selbst. Prof. Peter Janka, Chefchirurg des St.Bernhard-Hospitals in Brake, wendet den gesunden Menschenverstand an und hält die BQS-Fragebögen für „ungefähr so sinnvoll, wie wenn man Fahrschüler die Fragebögen ihrer Führerscheinprüfung selbst auswerten läßt“ (Carsten Holm: „Operieren und frisieren“, Der Spiegel Nr. 12/2004). Dieser Vergleich erfaßt insofern nicht das komplette Absurdum, als es bei Führerscheinprüfungen um „richtig“ und „falsch“ geht. BQS-„Qualitäts“-Berichte enthalten jedoch keinerlei Bewertungen, sondern lediglich eine unqualifizierte Aufzählung, wie oft welche Dinge getan wurden. Das ist etwa so, als ob in einem Schulzeugnis stehen würde: „Schüler X hat im Jahr 2005 im Fach Mathematik 10 Klassenarbeiten geschrieben, in Deutsch 10, in Geschichte 8 und in Biologie 7. Er belegte außerdem die Fächer Sport, Chemie, Religion, Englisch und Sozialwissenschaften. Desweiteren fertigte er 215 Hausaufgaben an, erschien an 185 Tagen zu 1.114 Unterrichtsstunden und hob 2.437 mal den Finger. Er war Mitglied im Schulchor und nahm an der Projektgruppe „Wir stricken eine Feuerleiter“ teil.“ Was sagt das über die Qualität des Schülers aus? Ebensowenig wie BQS-„Qualitäts“-Berichte über die Qualität von Kran-kenhäusern. Man setzt Masse mit Klasse gleich und geht davon aus, daß gut sein muß, was oft gemacht wird.

Kliniken messen die „Patientenzufriedenheit“, indem sie den Patienten Fragebögen in die Hand drücken. Als Angehöriger/Freund mehrerer schwer erkrankter Patienten habe ich erlebt, wie sehr auch selbstbewusste Menschen im Krankenhaus von der Angst übermannt werden, nicht die bestmögliche Behandlung zu erhalten. Je schwerwiegender die Erkrankung, desto größer ist die Unterwürfigkeit gegenüber dem behandelnden Arzt. Wieviele Krebspatienten wagen es, ihrem Arzt vor/während der Behandlung zu sagen, daß sie ihm nicht vertrauen oder nicht seiner Meinung sind? Zahllose Patienten, die höchst unzufrieden mit ihrem Arzt sind, wagen dennoch keine Kritik, weil sie ihn ja bei einer erneuten Erkrankung noch einmal benötigen könnten und keine Alternativen kennen. Wieviel Prozent aller Patienten sind überhaupt in der Lage, den medizinischen Behandlungserfolg auch nur annähernd mit dem zu vergleichen, was durch andere Ärzte/Kliniken und die theoretisch optimale Behandlung möglich wäre? Welcher Patient traut sich, in die Be-wertung zu schreiben, daß er unzufrieden war und der Behandlungserfolg weit unter dem Optimum liegt? Wer kontrolliert, ob negative Patientenbewertungen erfaßt und nicht aussortiert werden?

Die Sinnlosigkeit der BQS-Daten wird letztendlich dadurch abgerundet, daß die Ergebnisse den Patienten vorenthalten werden. Begründung der Krankenhausfunktionäre: „Die Wahrheit über die Qualität der Hospi-täler würde Patienten verunsichern, negative Daten könnten den Ruf ganzer Häuser ruinieren und in ihrer Existenz bedrohen“ (Carsten Holm: „Die Zeit ist reif für die Wahrheit“, Der Spiegel Nr. 3/2006). Mit anderen Worten: Die Verantwortlichen schützen schlechte Kliniken/Abteilungen/Ärzte und wollen auch weiterhin den Patienten lebenswichtige Informationen vorenthalten. Die zuständigen Gesundheitsminister lassen sie gewähren und haben sich ebenfalls gegen die Interessen der Patienten entschieden.

Ich habe als Angehöriger aus nächster Nähe mehrere drastische Kunstfehler, unterlassene Reha-Betreuung, grobe und arrogante Ärzte an Kliniken erlebt, die lt. „Klinik-Führer Ruhrgebiet“ aus Ärztesicht führend sind. Beim Behandlungserfolg liegt der offizielle Zufriedenheitsmeßwert einer Klinik, die aus Ärztesicht führend ist, bei 96%. Ein solcher Wert erinnert an manipulierte Wahlen in Diktaturen. Niemand fragt die Patienten nach einem Monat oder einem Jahr, wie der Behandlungserfolg nach Abklingen der postoperativen Symptome wirklich ist.

Der Initiativkreis Ruhrgebiet rühmt seinen „Klinik-Führer Ruhrgebiet“ mit der Preiskrönung des „Award for Excellence in the Advancement of Patient-Centered Care“ des Picker Institutes in Boston (USA). Preisfrage: Wer erstellte den preisgekrönten Klinik-Führer? Das Picker Institut Deutschland. Das Picker Institut hat also den Preis an sein eigenes Produkt verliehen. Wie aussagefähig ist ein sich selbst verliehener Preis?

Auch die Methodik des Picker Instituts ist ungenügend. Ärzte wurden z.B. weder befragt, welche Kliniken sie für wirklich gut halten, noch mußten sie ihre Wertung begründen. Stattdessen lautete die Frage, in welcher Klinik sie sich am ehesten operieren lassen würden. Mit dieser Fragestellung werden die am wenigsten schlechten Kliniken zu Siegern erklärt. Aufschlußreicherweise gibt es lt. „Klinik-Führer Ruhrgebiet“ keine einzige schlechte Klinik. Desweiteren beruft sich das Picker Institut auf die vollkommen unbrauchbaren BQS-Daten (s.o.). Der „Klinik-Führer Ruhrgebiet“ ist ein winziger Anfang, enthält jedoch keine belastbaren Inhalte und kann sogar irreführend sein, solange nicht externe und fachkundige Prüfer urteilen (6.2.8.). Bis dahin gilt für den „Klinik-Führer Ruhrgebiet“: Unter den Blinden ist der Einäugige König.

Man könnte an dieser Stelle viele weitere Mängel und deren Lösungen beschreiben (tödlich lange Wartezei-ten für kassenversicherte Krebspatienten, suboptimale Medizinerausbildung, Tabuthema Organspende, unzureichende Schmerztherapien/Palliativmedizin, Ignoranz von Patientenverfügungen, etc.), aber die hier ge-nannten Themen sollen als Einstieg genügen. Die in diesem gesamten Kapitel beschriebenen Mängel sind zwar Fakten, jedoch weder verallgemeinerbar noch uneingeschränkt repräsentativ. Ich persönlich halte die Mehrzahl der Mediziner für gut und integer. Nur weiß ich im Vorhinein nie, welche gut bzw. noch nicht vom System verschlissen sind.