Leseprobe
Auszug
aus dem Buch "Die Geldlawine". Im Text erwähnte
Nummerierungen beziehen sich auf andere Kapitel des Buches. Die
ggf. nachfolgenden Zwischenüberschriften wurden
nachträglich eingefügt, um das Lesen am Bildschim zu
erleichtern. Links wurden ebenfalls nachträglich
eingefügt.
6.1.1.: Krankheitserfinder und der finanzielle Kreislaufkollaps
Im Gegensatz zur Wahrnehmung vieler Politiker und Experten hat das deutsche Gesundheitssystem über-haupt kein Einnahmenproblem. Geld für ein erstklassiges Gesundheitssystem ist (noch) im Überfluß vorhan-den. Das finanzielle Problem verursachen sinnlose und fehlgeleitete Ausgaben, deren Ursache ein kapitaler Konstruktionsfehler des Systems ist. Die Kunden/Patienten wurden (u.a.) finanziell entmündigt. Sie haben keine Ahnung, was Diagnosen, Therapien, Medikamente, Pflegeleistungen, etc. kosten. Es interessiert sie auch nicht, weil sie meist eine (2-Klassen)-Vollkaskoversicherung besitzen. Ein Kunde/Patient, der Millio-nenkosten verursacht, zahlt grundsätzlich ebensoviel wie jemand, der null Cent Kosten verursacht. Infolge-dessen existiert keine direkte Motivation, die Kosten zu minimieren. Krankenhäuser sind zwar mittlerweile verpflichtet, auch gesetzlich versicherten Kunden/Patienten auf Wunsch eine Rechnung mitzugeben – die aber niemand verlangt, weil sie sinnlos ist. Bei Privatpatienten ist das Problem ähnlich gelagert. Sie erhalten zwar für sämtliche medizinischen Leistungen eine Rechnung, die sie jedoch einfach bei ihren Versicherungen zwecks Erstattung einreichen. Daher ist auch Privatpatienten vollkommen gleichgültig, wie hoch die Kosten sind.
In Heilberufen (vor allem bei Ärztefunktionären) löst der Begriff „Kunde“ stets heftige Allergien aus. Durch die Mystifizierung der Medizin wollen viele Heilberufler einen Sonderstatus erreichen bzw. bewahren. Die-ser Sonderstatus behindert jedoch eine vernunftorientierte Betrachtung. Zunächst einmal ist in der Medizin absolut nichts mystisch. Nachweisliche Wunder gab es bisher nicht. Und sofern Heilberufler für ihre Tätigkeit Geld verlangen, ist derjenige, der zahlt, nicht nur Patient, sondern zwangsläufig immer auch ein Kunde. Heilen ist immer auch eine Dienstleistung, und medizinische Produkte sind immer auch Waren. Die „Repa-ratur“ von Defekten des mechanisch-chemoelektrischen menschlichen Apparats (Körper und Geist) ist grundsätzlich vergleichbar mit der Reparatur anderer technischer komplexer Apparate. Im Vergleich mit vielen Werken z.B. von Ingenieuren ist die medizinische Versorgung von Knochenbrüchen und den meisten Krankheiten geradezu banal. Unter informierten Nicht-Medizinern und ehrlichen Medizinern herrscht auch Einigkeit darüber, daß niemand das komplexe Wirkungsgefüge des menschlichen Körpers (geschweigedenn des Geistes) auch nur annähernd versteht. Als ich befreundete Medizinstudenten beim 2. Staatsexamen frag-te, wie man die Unmenge Informationen speichern kann, die allein im wichtigsten Standardwerk „Pschyrem-bel“ jeweils kurz beschrieben sind, antworteten sie mir mit einem ehrlich grinsenden „Mut zur Lücke“.
Da das Hauptproblem des Gesundheitswesens (aus dem die meisten anderen Probleme resultieren) in der Entkopplung von Kunden und Kosten liegt, kann die Lösung dieser Probleme nur in der direkten Verbindung von Kunden und Kosten liegen (6.2.1.).
Dies ist umso dringender, wenn man die für die Zukunft zu erwartenden Kosten berücksichtigt. In den letz-ten 100 Jahren haben sich die Gesundheitsausgaben pro Kopf (preisbereinigt) ziemlich genau verhundert-facht. 2004 lagen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen bei 139,3 Mrd. Euro. Rechnet man die Aus-gaben der privaten Krankenkassen und sämtliche privat bezahlte Gesundheitskosten hinzu, lagen die Gesamtkosten 2004 bei über 210 Mrd. Euro, also jährlich rd. 2.550 € pro Bundesbürger. Anders ausgedrückt: Jeder Bundesbürger hat in seinem Leben Krankenversicherungskosten von durchschnittlich über 200.000 € zu tragen – auch wenn er kaum etwas in Anspruch nimmt. Mehr als die Hälfte dieser Kosten können Sie sich künftig sparen (6.2.1.).
Bis ca. in die 1990er-Jahre lag die Ursache der finanziellen Probleme hauptsächlich im medizinisch-technischen Fortschritt, der parallel zu immer besseren Diagnose- und Therapiemöglichkeiten auch immer höhere Kosten nach sich zieht. Da dieser Fortschritt niemals endet und (im jetzigen System) niemals billiger wird, ist es (beschleunigt durch Biotechnologie / Gentechnik) nur eine Frage der Zeit, bis zwangsläufig ent-weder der finanzielle Kollaps eintritt oder die Gesundheitsleistungen so weit verteuert/rationiert werden müssen, daß hochwertige Medizin nur noch den Reichen vorbehalten ist (6.1.6., 6.1.7.).
Der zweite große Schwachpunkt des Gesundheitssystems ist die Kartellstruktur: Das Gesundheitssystem steht weitgehend unter Einfluß und Kontrolle derjenigen, die durch Krankheiten Geld verdienen. Wer mit Krankheiten Geld verdient, kann kein Interesse an einer gesunden Bevölkerung haben.
Nach der Devise „wer glaubt, gesund zu sein, ist nur noch nicht richtig untersucht worden“ erklärt vor allem das Kartell der Pharmakonzerne vollkommen gesunde Menschen zu behandlungsbedürftigen Patienten. Ein anschauliches Beispiel bietet das Thema Cholesterin (Prof. Walter Hartenbach: „Die Cholesterin-Lüge. Das Märchen vom bösen Cholesterin“). Die Pharmakonzerne verkaufen den Patienten jährlich Cholesterinsenker für einen 2-stelligen Milliardenbetrag. Die meisten dieser Patienten sind gesund und schlucken die Cholesterinsenker nur, weil sie auf einen Betrug der Pharmakonzerne hereingefallen sind.
Eine Studie unter 100.000 Deutschen ergab einen Durchschnittswert von 260 mg pro Deziliter Blut. Das ist absolut normal und gesund. An dieser Gesundheit kann man aber kein Geld verdienen. Also bezahlten die Pharmakonzerne 13 Professoren in der „Nationalen Cholesterin-Initiative“, um einen Grenzwert zu erfinden, der Gesunde zu Kranken umdefinierte. Seitdem gilt ein Cholesterinwert von mehr als 200 mg als gefährlich und vor allem als behandlungsbedürftig durch Cholesterinsenker (Jörg Blech: „Die Abschaffung der Gesundheit“, Der Spiegel Nr. 33/2003). Die 13 Professoren erklärten auf diese Weise unter den 50-59-Jährigen 84% der Männer und sogar 93% der Frauen für lebensgefährdet, wenn sie nicht die teuren Cholesterinsenker schlucken. Nicht weniger als 68% der 30-39-jährigen Männer benötigen nach Meinung der 13 Professoren Cholesterinsenker. Auch Kardiologen und Apotheker schüren die Panik bei Menschen, von denen sie wissen, daß sie fast alle gesund sind, und drängen sie mit manipulierenden Tests zum Kauf von Cholesterinsenkern. Solche Manipulationen kosten Deutschlands Versicherte/Patienten nicht nur zig Milliarden €. Das Absenken des Cholesterinspiegels auf ein zu niedriges Maß ist gefährlich, weil Cholesterin u.a. lebenswichtig für das Gehirn ist. Z.B. der Cholesterinsenker Lipobay kostete etliche Menschen das Leben und mußte vom Markt genommen werden. Weitere Konsequenzen (6.2.7.) hatte es nicht.
Prof. Dr. Klaus Dörner, Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, beschrieb im Deutschen Ärzteblatt vom 20.09.2002 die systembedingte Krankheitserfindung:
„… wenn jede medizinische Einrichtung zur Gewinnmaximierung durch Leistungsexpansion verurteilt ist, wenn Wettbewerb zwar kurzfristig Kosten senken kann, was jedoch durch Mengenausweitung mehr als kompensiert wird – dann muss man sich nicht wundern,
- daß schließlich künstlich Bedürfnisse erfunden werden, die man als Wunscherfüllung für den Kunden zu befriedigen verspricht,
- daß noch unreife Produkte und Verfahren auf den Markt geworfen werden und
- daß die Tendenz vorhanden ist, gute Kunden lebenslang zu halten und zu melken.“
Weiter schrieb Prof. Dörner: „… während ambulante Hilfsangebote mit Nachteilen bestraft werden, locken die größeren Profite und Wettbewerbsvorteile im stationär-institutionellen Bereich. … Das Ziel (des Systems) muss die Umwandlung aller Gesunden in Kranke sein, also in Menschen, die sich möglichst lebenslang sowohl chemisch-physikalisch als auch psychisch von Experten therapeutisch, rehabilitativ und präventiv manipulierungsbedürftig halten, um „gesund leben“ zu können. Das gelingt im Bereich der körperlichen Erkrankungen schon recht gut, im Bereich der psychischen Störungen aber noch besser, zumal es keinen Mangel an Theorien gibt, nach denen fast alle Menschen nicht gesund sind.“ (Dtsch Ärztebl 2002; 99: A 2462–2466, Heft 38). Die BKK für Heilberufe schreibt in ihrem sehr lesenswerten Artikel „Wie man durch Diagnosen krank werden kann“ vom 01.07.2005: „Neben dem volkswirtschaftlichen Schaden dieser (so hätte man früher gesagt) Wehleidigkeit sollte vor allem der eigentliche Schaden, der den Betroffenen erst im Gefolge einer Modediagnose entsteht, sehr ernst genommen werden: Wird keine Ursache gefunden, beginnen Betroffene, sich so richtig krank zu fühlen. Es entstehen Zweifel an der ärztlichen Kompetenz, eine Arzt-odyssee wird in Gang gebracht, in deren Verlauf das grundsätzliche Sich-wohl-in-seiner-Haut-fühlen wo-möglich einen irreversiblen Schaden erleidet“.
Bücher von Medizinern wie z.B.: „Heillose Medizin“ und „Die Krankheitserfinder – Wie wir zu Patienten gemacht werden“ von Jörg Blech, „Der Pharma-Bluff“ von Marcia Angell, „Das Medizinkartell“ von Kurt Langbein und Bert Ehgartner, „Was Ärzte Ihnen nicht erzählen“ von Lynne McTaggart oder „Was hab ich bloß – Die besten Krankheiten der Welt“ von Werner Bartens sowie zahlreiche weitere Bücher beleuchten das Problem umfassend. Sie sind bisher weder sachlich noch juristisch infrage gestellt worden, so daß man von einem schockierend hohen Wahrheitsgehalt ausgehen kann. Indem ich auf diese Bücher verweise, spare ich in diesem Kapitel ca. 100 Seiten Analyse der wichtigsten Mängel.
In Artikeln wie „Sinnlos unterm Messer. Das Geschäft mit überflüssiger Medizin“ (Der Spiegel Nr. 35/2005) stellt Jörg Blech fest, daß (neben den tatsächlich kranken) Millionen Patienten, die eigentlich nicht krank genug für Operationen sind, systematisch zu überflüssigen und auch gefährlichen Operationen gedrängt/verführt werden. Der Chirurg Christian Theodor Billroth formulierte dagegen Ende des 19. Jahrhun-derts seinen Leitsatz: „Operiere nur das, was Du selbst an Dir machen lassen würdest“. In gewissem Gegensatz dazu steht z.B. eine Umfrage unter 220 Neurochirurgen und Orthopäden anlässlich eines Wirbelsäulen-Kongresses. Von diesen Medizinern, die mit Rückenoperationen ihr Geld verdienen, hat sich kein einziger jemals am Rücken operieren lassen.
