Leseprobe
Auszug aus dem Buch "Die Geldlawine". Im Text erwähnte Nummerierungen beziehen sich auf andere Kapitel des Buches. Die nachfolgenden Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt, um das Lesen am Bildschim zu erleichtern. Links wurden ebenfalls nachträglich eingefügt, um zu Quelltexten zu gelangen.
Das Thema Arbeitslosigkeit beschäftigt mich seit 1973
– seit ich zum ersten Mal von Robotern und Automation
hörte. Im Grunde war es der Auslöser für
dieses Buch. Mein erster Gedanke war damals, daß Menschen
keine Arbeit mehr finden, wenn Roboter besser und billiger sind, keine
Pausen und keinen Schlaf brauchen (2.1.2.). Mein zweiter Gedanke war
die Frage, wovon Menschen dann leben sollen.
Als 9-Jähriger hatte ich den Einfall, daß die Arbeitnehmer Eigentümer der Automaten/Roboter sein müßten und die Unternehmen sie nur mieten dürften. Eine Weiterentwicklung dieser Idee ist, zumindest die großen Unternehmen zum Eigentum der Bürger zu machen. Der Unterschied zum gescheiterten Kommunismus läge lediglich in der Eigentümerstruktur. Die unternehmerische Freiheit bliebe im Gegensatz zu einer Planwirtschaft unangetastet. Heute fließen Dividenden an eine kleine Gruppe von Großaktionären. In Zukunft wird diese Gruppe aus sämtlichen Bürgern bestehen, gefördert durch Streubesitzregelungen (5.2.3.).
Wie der Übergang dorthin organisierbar ist, zeigen die Punkte 4.3.-4.6., wobei Punkt 4.4.1. die Grenzen dieser Lösung aufzeigt: Wir wissen nicht mehr, wohin mit dem gesparten Geld. Dennoch ist das Rentensystem eine Teillösung des Problems. Gier bleibt wie im klassischen Kapitalismus die Antriebsenergie des Systems. Seit 30 Jahren grüble ich über Alternativen nach, habe zahllose Publikationen zu diesem Thema analysiert und bin zu dem Schluß gekommen, daß es neben diesem ersten, intuitiven Impuls nur eine einzige Lösung gibt.
Die wirklich umfassende Lösung kann nur darin liegen,
daß Unternehmen Menschen einstellen, die sie
überhaupt nicht benötigen und sie dabei auch noch
sehr gut bezahlen. Und zwar möglichst in genau der Region, in
der sie ihre Umsätze machen (2.2.3.), und ohne jegliche
Wettbewerbsnachteile. Punkt 3.4. zeigt detailliert, wie das
funktioniert. Einen Einstieg in die Details finden Sie unter www.bandbreitenmodell.de/faq.
Menschenfreundliche neue Spielregeln
Als Konsequenz daraus dreht sich der Arbeitsmarkt um 180°. Arbeitnehmer werden sich die besten Jobs aussuchen, mit den besten Arbeitszeiten (2.2.7.) und den höchsten Gehältern (2.2.8.). Sie nehmen sich Jobs in jedem beliebigen Alter (2.2.9.) und mit jeder beliebigen Qualifikation (2.2.10.). Jobs ohne gefragte Weiterbildungsangebote (2.1.11.) sind ebenso unvermittelbar wie jegliche unattraktive Jobs und unbezahlte Praktika (2.2.12.).
Die Profitforderungen der Kapitalmärkte verlieren jeglichen Einfluß auf den Arbeitsmarkt (2.2.4.). Bereits in der Schule können unsere Kinder ganz entspannt das Berufsleben auf sich zukommen lassen. Die Leistungsgesellschaft mit all ihren psychischen und finanziellen Brutalitäten ist Geschichte. Der Zwang entfällt. Nur diejenigen leisten mehr, die aus ihrer inneren Motivation heraus Freude daran haben.
Da der permanente Produktivitätszuwachs/Automationsgrad menschliche Arbeitskraft auch weiterhin ersetzt, läuft die Entwicklung auf immer kürzere Arbeitszeiten hinaus. Der Fortschritt wird auf neue Ziele ausgerichtet: Komfort/Ergonomie, Umweltverträglichkeit, etc.
Das heutige Arbeitsvolumen von 30 Mio. auf 45 Mio. Arbeitnehmer zu verteilen, bedeutet binnen sehr kurzer Zeit die 25-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Oder z.B. 5 Monate Jahresurlaub. Bisher völlig unrealistische Forderungen linker Parteien sind mit der Geldlawine problemlos finanzierbar und realisierbar. Und das ist noch nicht alles. Mit steigender Automation (1.2.1.) folgt mittelfristig die 15-Stunden-Woche und langfristig die 5-Stunden-Woche. In Anbetracht des Potentials der Automation ist es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit bis zur 0-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich.
Entgegen dem Konzept der etablierten Parteien werden normal begabte und geringqualifizierte Menschen nicht vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen (oder als Minijobber in Armut gehalten), sondern selbstverständlich ebenfalls zu Gehältern und Bedingungen eingestellt, von denen sie heute nicht einmal zu träumen wagen. Die extremste Stufe des Konzepts integriert sogar Menschen in den Arbeitsmarkt, die entweder nicht arbeiten wollen oder können.
Als „abwesende Arbeitnehmer“ werden sie als steuerliches Abschreibungsobjekt eingestellt, um den Umsatzsteuersatz ihres Arbeitgebers zu drücken (3.4.5.).
Das Konzept der Geldlawine habe ich vor Veröffentlichung
dieses Buches etlichen Menschen erläutert und fragte
anschließend, ob sie irgendwo einen Haken sehen - und
stieß interessanterweise immer nur auf ein einziges Problem.
Die Menschen seien nicht dafür geschaffen, sich ohne Arbeit
mit sich selbst zu beschäftigen. Sehr viele Menschen brauchen
Arbeit, um daraus ihren Lebenssinn abzuleiten und glücklich
sein zu können. Ist das nicht ein Luxusproblem? Wohin mit der
ganzen Freizeit? Was fangen wir mit uns selbst an? Hier setzt ein neues
Bildungssystem an (siehe Vorwort), in dem Menschen künftig
nicht mehr von klein auf zu Funktionsträgern
herangezüchtet werden, sondern sich selbst, ihre individuellen
Talente und Neigungen entdecken und entwickeln. Daraus lassen sich dann
Hobbys entwickeln, die kommerziell nutzbar sein können, aber
nicht müssen (Kunst, Musik, Literatur, Forschung,
Programmierung, Architektur, Jura, Beratung, Erziehung, Psychologie,
Sport, Religion, soziales Engagement, etc.). Ehrenamtliche
Tätigkeiten werden boomen.
Damit wären wir in einem Schlaraffenland. Könnten Sie
(bzw. Ihre Kinder und Enkel) so viel Freiheit ertragen?
Sind wir heute nicht (fast) alle Prostituierte?
Wir
müssen unsere Einstellung zur Arbeit weiterentwickeln. Wer
arbeitet freiwillig und prostituiert sich nicht? Stellen Sie sich
einmal folgende beiden Fragen: Würden Sie Ihrem jetzigen Job
nachgehen, wenn Sie das gleiche Geld ohne Arbeit bekämen? Und
würden Sie Ihrem jetzigen Job weiterhin nachgehen, wenn Sie
jedes Jahr mindestens 40.000 € im Lotto gewinnen? Ich wage die
Prognose, daß dann über 98% aller Menschen entweder
nie wieder arbeiten würden und sich stattdessen ihrer Familie
und ihren Hobbys widmen, oder aber in ihren wahren Traumjob wechseln.
Nur wer freiwillig (und ggf. ohne gute Bezahlung) seiner Arbeit
nachgeht, gehört zu den wenigen Glücklichen, die
ihren Beruf als Berufung genießen dürfen. Die
meisten dieser Menschen vermute ich in der Kunst, einige weitere im
karitativen Bereich, wie z.B. „Ärzte ohne
Grenzen“. Alle anderen arbeiten also im Wesentlichen, um den
Lebensunterhalt zu finanzieren. Sie verkaufen sich an ihren Arbeitgeber
oder (als Freiberufler) an ihre Kunden. Erfüllt das nicht die
Definition von Prostitution? Welch unschönes Wort. Aber denken
Sie mal darüber nach, wie groß der Unterschied ist
zwischen dem, was Sie tun, und dem, was Sie wirklich wollen.
Die Vision Ihrer Zukunft
Wahrscheinlich wird es auf folgendes hinauslaufen: Menschen, die
tatsächlich arbeiten wollen, verdienen zusätzliches
Geld (das sie zusätzlich motiviert). Der Charakter unserer
Gesellschaft wird sich ändern. Vom Jäger und Sammler
über den Erwerbsarbeiter wird der Mensch zum
Selbstverwirklicher. Wir werden Hobby-Künstler,
Hobby-Philosophen, Hobby-Sportler, Hobby-Theologen,
Hobby-Gärtner, Hobby-was-wir-wollen. Nebenbei befreien wir uns
vom Joch der Arbeitszeitmessung (Willi Winkler: „Taktlos in
die Zukunft“, SZ 10.04.04). Die Arbeit wird im
„Projekt Schlaraffenland“ nur noch
ergebnisorientiert sein, der Zeitaufwand wird irrelevant. Charlie
Chaplins „Moderne Zeiten“ sind dann Geschichte. Was
wären Sie gern? Ein Gelehrter? Ein Sophist? Ein Epikureer? Ein Lustmensch? Ein
Träumer? Ein Erfinder? Ein Familien- mensch? Ein Reisender? Aus
welchen Elementen würden Sie Ihr Leben gestalten, wenn es
keine Erwerbsarbeit mehr gäbe und Sie trotzdem genug Geld
hätten?
Wenn wir uns einigermaßen clever anstellen,
solidarisch sind und diverse Gefahren abwehren (Islamo-Chauvinismus,
religiöser Wahn, Anti-Aufklärung der Konservativen,
Marktradikalismus, Korruption, Kontrollverlust über
künstliche Intelligenz und genmanipuliertes Leben,
…), steht unseren Träumen und der Nutzung unserer
Freiheit nichts im Weg.
Wie ich während meiner Recherchen feststellte, sind meine diesbezüglichen Überlegungen nicht gänzlich neu. Wer sich mit Politik und Philosophie der griechischen Antike auskennt, wird darin Teile der alten Idee des Grundeinkommens wiedererkennen. Das Grundeinkommen sollte bedingungslos - also ohne jeglichen Arbeitszwang - an jeden Menschen gezahlt werden, dessen einzige Qualifikation es wäre, geboren zu sein. Weitere Informationen zu diesem ebenso humanen wie intelligenten und intellektuell überlegenen Ansatz finden Sie z.B. unter www.grundeinkommen.de, www.basicincome.org oder in zahlreichen Interviews und Vorträgen von Ronald Blaschke oder dm-Drogeriemarkt-Gründer Götz Werner. Zur Finanzierung des Grundeinkommens nennt Götz Werner ein anderes Steuersystem, in dem sämtliche Steuern bis auf die Mehrwertsteuer abgeschafft würden und der Satz der Mehrwertsteuer auf ca. 50% steigen müßte. Unter Kapitel 3.2. finden Sie die Beschreibung eines artverwandten Steuersystems, dessen Grundidee ich im August 2002 hatte, allerdings mit einer zunächst anderen Zielsetzung: der Finanzierung der öffentlichen Haushalte. Ich schließe mich der Meinung der allermeisten Leserbriefschreiber und Weblogschreiber an, daß die Kombination von Grundeinkommen und Nur-Umsatzsteuer nicht nur das intelligenteste, sondern das einzige dauerhaft funktionsfähige System der Welt ist, das weltweit angedacht wird.
Es gibt dagegen nur einen Einwand – und zwar den
gleichen Einwand, den meine Testleser gegen das Konzept der Geldlawine
haben: es sei angeblich nicht umsetzbar. Warum Grundeinkommen und
Nur-Umsatzsteuer nicht umsetzbar sein sollten, kann allerdings bisher
niemand begründen. Die Ablehnung entpuppte sich bei
näherer Analyse als das typische „das haben wir
immer schon so gemacht“ der Verhinderer (1.2.5.), also der
Experten und etablieren Parteien.
Tatsächlich sind beide Konzepte sehr wohl umsetzbar, und zwar unglaublich einfach (Kapitel 7). Über die Idee des Grundeinkommens gehe ich allerdings noch weit hinaus (nicht nur mit den Punkten 3.4., 3.5., 3.6. und dem ganzen Rest dieses Buches, sondern auch in kommenden Büchern, in denen ich innerhalb der Gesamtvision Vorschläge beschreibe, was man mit dem überschüssigen Geld anfangen könnte).
Nachtrag: Mittlerweile sehe ich das Grundeinkommen kritischer - vor allem, weil es die Unternehmen zum Missbrach einlädt, die einen großen Teil der Löhne auf den Staat abzuwälzen. Mehr dazu unter schrieb ich hier.
