Steueroase

 

Leseprobe

Auszug aus dem Buch "Die Geldlawine". Im Text erwähnte Nummerierungen beziehen sich auf andere Kapitel des Buches. Die ggf. nachfolgenden Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt, um das Lesen am Bildschim zu erleichtern. Links wurden ebenfalls nachträglich eingefügt. 



2.2.11.: Zeugnisse ODER Chancen?


Wer entscheidet über Ihre Chance, im Existenzkampf des Arbeitsmarktes überhaupt mitspielen zu dürfen? Personalchefs. Wie laufen solche Entscheidungen ab? Berge von Bewerbungen stapeln sich auf dem Schreibtisch. Den Personalchefs (denen systembedingt kein persönlicher Vorwurf zu machen ist) verschafft das Überangebot die komfortable Position, nur die vielversprechendsten Kandidaten zu Bewerbungsgesprächen einzuladen und allen anderen – selbst sehr guten und absolut geeigneten Bewerbern – nicht einmal eine Chance geben zu müssen. Schön für alle sterilisierten, männlichen, 30-jährigen Inhaber von Spitzenexamen in gegenwärtig gefragten Qualifikationen mit 5 Jahren Auslandsaufenthalt und 10 Jahren Berufserfahrung in Führungspositionen. Pech für uns andere, die wir uns fragen sollten: Müssen wir uns das gefallen lassen oder wollen wir zumindest die Chance bekommen, mitspielen zu dürfen?

Da liegen wir nun, mit unserem Leben als Bewerbungsmappe. Mit all unseren Hoffnungen und Existenz-ängsten - bereit, uns immer und immer wieder durch die Absagen der Personalchefs demütigen zu lassen. Derzeit arbeitslos? Selbst schuld, Drückeberger - Absage. Drei Kinder? Schwer zu kündigen, falsche Prioritäten – Absage. Weiblich, jung, verheiratet, keine Kinder? Schwangerschaftsalarm - Absage. Über 40? Absage. Über 50? Bewerbung mit der Kneifzange nehmen – Absage. Über 60? Nicht mal absagen, sondern die Bewerbungsmappe gleich verbrennen. Unattraktives Foto? Beleidigt die Pupille - Absage. In Mathe nur eine 4 auf dem Zeugnis? Dummkopf - Absage. Verdächtige Formulierung in einem der Arbeitszeugnisse? Ent-spricht nicht der Norm – Absage. Alleinerziehende Mutter? Kann ihr Leben nicht der Firma widmen – Absage. Bunter Lebenslauf? Unzuverlässig – Absage.

Offensichtlich ist stattdessen ein besseres, menschenfreundlicheres, chancengleiches System unumgänglich.

Ebenso wie Sie war ich es gewohnt, bei Bewerbungen und Einstellungen meine (guten) Zeugnisse vorzulegen. Bei meinen amerikanischen Arbeitgebern fragte man mich stattdessen: „Was können Sie?“ Mir wurde auf einen Schlag klar, daß der deutsche Zeugnis-Fetischismus Chancen zerstört. Was sagt ein Zeugnis über Fähigkeiten aus? Warum soll ein einziges Zeugnis die Macht haben, über die gesamte Karriere zu entscheiden? Grund genug, grundsätzlich über Zeugnisse nachzudenken.

Noten sind nachweislich subjektiv, entsprechen erschreckend oft nicht den gezeigten Leistungen und so gut wie nie der tatsächlichen Leistungsfähigkeit. Sympathie und Angepaßtheit des zu Benotenden sowie Unfähigkeit/Informationsdefizit des Benotenden lassen viel zu oft leistungsstarke Menschen schlecht und Selbstdarsteller gut aussehen. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, daß gut aussehende Menschen bessere Noten als unattraktive erhalten, große Menschen bessere als kleine, schlanke bessere als übergewichtige, Menschen mit vollem Haar bessere als glatzköpfige, usw. Mit ein und derselben (auch schriftlichen) Arbeit können Sie sowohl an jemanden geraten, der Sie für gut befindet, als auch an jemanden, der Sie durchfallen lässt. Bereits die Tagesform von Prüfer und Prüfling kann den Unterschied zwischen guten und schlechten Noten ausmachen.

Noten können mangels einheitlich objektivierbaren Maßstäben und vollständigen Informationen niemals gerecht sein. Und selbst wenn sie gerecht wären, können sie keinesfalls mehr sein als eine Momentaufnahme, die zum Zeitpunkt von Bewerbungen ewig lange zurückliegen kann. Was ist mit den seit dem Zeugniserwerb hinzugekommenen Erfahrungen?

Elitenfanatiker argumentieren, daß aus gut benoteten Gymnasiasten oft auch gut benotete Studenten werden. Dabei machen sie erstens einen groben Analysefehler. Im deutschen Bildungssystem ist nach wie vor das Auswendiglernen die mit Abstand wichtigste Notenerwerbstechnik. Je besser jemand gut auswendig lernen kann, desto höher ist also die Wahrscheinlichkeit guter Noten an Gymnasien und Universitäten. Wer hochintelligent, kreativ und sozial kompetent ist, aber schlecht auswendig lernen kann, hat überhaupt keine Chance, Prüfungen zu bestehen. Auch unter diesem Aspekt sind Noten eine Fehlkonstruktion des Systems.
Zweitens offenbaren Elitenfanatiker eine ungenügende Kenntnis beruflicher Wirklichkeit. Sie verwechseln „gut benotet“ mit „gut im Job zu gebrauchen“. Zu viele erfolgreiche, aber schlecht benotete Menschen sowie zu viele überschätzte bzw. beruflich überforderte Diplombesitzer beweisen das Gegenteil. Der Zusammenhang zwischen guten Noten und beruflicher Brauchbarkeit hat also irrelevante Ursachen und ist viel zu gering, um alle nicht mit „sehr gut“ Benoteten zu diskriminieren. Millionen (aber natürlich nicht alle) undiplomierte deutsche Arbeitnehmer würden ihre diplomierten Vorgesetzten locker in den Schatten stellen – wenn man ihnen die Chance dazu gäbe.

Beim Kopf-an-Kopf-Rennen im Arbeitsmarkt entscheiden bereits um Nuancen unterschiedliche Noten über Job oder Absage. Dennoch finden wir es normal, daß unser gesamter Lebensweg von 3 relativ willkürlichen Blättern Papier abhängt.

  1. Zuerst entscheidet das Abgangszeugnis der Grundschule schon bei kleinen Kindern darüber, ob sie über das Gymnasium Zugang zu Akademikerlaufbahnen erhalten dürfen oder aussortiert werden (der 2. Bildungsweg spielt kaum eine Rolle).
  2. Nach der weiterführenden Schule entscheidet das 2. Stück Papier darüber, ob wir entsprechend unseren Zielen, Neigungen und tatsächlichen Fähigkeiten studieren dürfen oder eine Lehrstelle finden.
  3. Das 3. Papier entscheidet nach Universität/Lehre, ob wir in einer Wirtschaft mitspielen dürfen, die immer bevorzugter Inhaber von Spitzennoten einstellt und allen anderen die Chancen verwehrt.


Über Arbeitszeugnisse – von denen jeder weiß, daß sie ohne Aussagekraft sind – zieht sich die Benotungsorgie durch unser ganzes Berufsleben. An einer der 3 entscheidenden Stellen zu versagen, kommt uns für den Rest unseres Lebens teuer zu stehen. Oder noch grotesker: Nicht zu versagen, aber zu schlecht benotet zu werden, weil uns ein Lehrer/Professor entweder ungerecht benotet oder man das Pech hat, an einen Lehrer/Professor zu geraten, der überzogen harte Maßstäbe anwendet. Wer nur bei einem dieser 3 Papierstücke schlecht/unfair bewertet wird, verliert über sein Berufsleben gerechnet durchschnittlich mehrere hunderttausend Euro durch den Einkommensunterschied. Das läßt sich ganz leicht ändern.

Stellen Sie sich zunächst einmal vor, jeder Mensch hätte zu jedem Zeitpunkt seines Lebens zu jedem Bildungsangebot freien Zugang. Es gibt keinen Numerus Clausus mehr. Sogar für den Zugang zum Hochschulstudium genügt zunächst die Geburtsurkunde. Gerechter geht es nicht.

Das hat mehrere Folgen.

Erstens bewerben sich Massen von Menschen, für die viele Studien- oder Ausbildungsgänge zu schwierig sind. Dem kann man durch einheitliche und dadurch chancengleiche Aufnahmetests antworten. Um den Aufwand zu minimieren, sollten diese Aufnahmentests 3-stufig sein:

  1. Stufe 1 ist ein freiwilliger Selbsttest der Bewerber, z.B. via Internet oder frei verkäufliche Testhefte. Die Bewerber können nach diesem Test sowohl die sie erwartenden Inhalte und Anforderungen als auch ihre persönliche Eignung einigermaßen einschätzen. Wer in diesem Test schummelt, betrügt sich nur selbst und verschwendet seine Zeit, weil er in den Stufen 2 oder 3 scheitern wird.
  2. Der Test in Stufe 2 ist Pflicht. Der Kreis der Bewerber ist wesentlich kleiner, aber immer noch hoch. Deshalb muß dieser Test einfach auszuwerten sein (multiple choice). Stufe 2 ist kein Selbsttest mehr, sondern eine Eignungsprüfung, mit der die Eignung der Bewerber definitiv vorqualifiziert wird. Er ist jedes Semester wiederholbar. Wer Stufe 2 besteht, hat Zugang zur entscheidenden Stufe 3.
  3. Die dritte Stufe ist ein qualifizierter und relativ aufwändiger Eignungstest, wie er heute in ähnlicher Form bereits an manchen Bildungsgängen und auch in „Assessment Centern“ großer Unternehmen an-gewandt wird. Die Tests dürfen weder überzogen schwierig noch zu lasch sein, sondern müssen sich an den tatsächlichen Anforderungen des nachfolgenden Berufslebens orientieren. Auch dieser Test ist jedes Semester wiederholbar.

Durch die Überschüsse der Geldlawine (siehe 3.6.2.) ist dieser Aufwand problemlos finanzierbar, so daß eine Kontingentierung entfällt. Das Ziel eines guten Bildungssystems kann nur sein, möglichst viele Menschen möglichst weit zu qualifizieren. Ein Akademikeranteil von 60% eines Jahrgangs ist ein realistisches Ziel, das in dieser Hinsicht vorbildliche Länder bereits erreicht haben.

Die zweite Folge ist weitaus gravierender. Zeugnisse werden vollkommen irrelevant.

Das wird natürlich den wenigen Absolventen nicht gefallen, die heute durch ein sehr gutes Zeugnis (meist ein Leben lang) das Privileg genießen, bei der Jobvergabe bevorzugt zu werden. „Wozu habe ich dann um Bestnoten gekämpft?“ werden sich die Bestnoteninhaber erregen – und damit die Notwendigkeit der Zeugnisirrelevanz untermauern. Bestnoten sind im heutigen System das wesentliche Ziel von Bildungsgängen, denn nur die besten Zeugnisse bringen uns am Türsteher der Personalabteilung vorbei.

Sobald Bildungseinrichtungen und Personalentscheider keine Zeugnisse mehr sehen dürfen, geht es bei der Bildung nicht mehr um den Erwerb von Eintrittskarten, sondern um die maximale Brauchbarkeit für weitere Bildungsstufen und den weiteren Lebensweg.

Zeugnisbefürworter werden kontern, daß Zeugnisse Fähigkeiten nachweisen sollen. Das sehen die meisten (ehemaligen) Studenten anders.

In vielen Fächern ist es ähnlich – in Naturwissenschaften weniger, in Geisteswissenschaften extrem. In Interviews fragte ich 213 Studenten und Absolventen unterschiedlicher Studienrichtungen:

„Wenn Sie wählen könnten, entweder ohne den Besuch einer Universität ein Zeugnis mit Bestnoten geschenkt zu bekommen oder wie bisher zu studieren – welches wäre Ihre Wahl?“

Ich fand keinen einzigen Juristen, Betriebswirt oder Volkswirt, der dann noch zur Universität gehen würde. Bei den Pädagogen würden sich rd. 79% den Gang zur Uni sparen. Fast sämtliche Geisteswissenschaftler trauen sich zu und ziehen es vor, sich das Wissen autodidaktisch aus frei wählbaren Büchern (die wesentlich besser als die von den Professoren als Nebenerwerb geschriebenen Bücher sind) sowie durch außeruniversitäre Repetitorien anzueignen. Sogar 36% der Mediziner würden die Uni links liegenlassen, sofern es außeruniversitäre Bildungsangebote gäbe, die neben praktischer Erfahrung und einem guten Ruf bei Arbeitgebern auch den Doktortitel bieten. 52% der Ingenieure würden die Uni meiden, sofern sie anderweitig praxistaugliches Grundwissen und Erfahrungen sammeln könnten. In den Fächern Chemie, Physik und Mathematik lag die Quote der potentiellen Uni-Verweigerer bei 68%.

Zahllose Gespräche bestätigen die Erkenntnis, daß Universitäten ein großes Mißverständnis sind. Fast niemand strebt eine wissenschaftliche Karriere an. Der Grund, dennoch eine Universität statt einer Fachhochschule zu besuchen (oder eine Lehre abzuschließen), liegt fast ausschließlich in der Erfüllung der Erwartungen der Personalenscheider bei späteren Arbeitgebern.

Das führt zu der Konsequenz, daß Personalentscheider keine Zeugnisse mehr zu sehen bekommen dürfen (wenige Ausnahmen: z.B. Approbationen von Ärzten).

Sobald Zeugnisse nicht mehr als Wettbewerbsvorteil im Kampf um Arbeitsplätze eingesetzt werden können, setzt das die Ausbildung bzw. das Studium erstmals unter einen enormen Qualitätsdruck. Studiengänge/Ausbildungen, die zwar formalen Ansprüchen genügen, aber für praxisnahe Einstellungstests und den beruflichen Alltag unbrauchbar sind, lösen sich in Luft auf, weil kein Student/Auszubildender seine Zeit mehr damit verschwenden wird.

Dann tritt ein, was längst hätte eintreten sollen: Die Universitäten, Fachhochschulen, Berufsschulen etc. stehen im Dienst der Studenten/Auszubildenden. Der Kunde wird König, und die Inhalte werden endlich gnadenlos praxistauglich. Das gilt auch für den 2. Bildungsweg, deren Absolventen viele Arbeitgeber grundsätzlich gegenüber Spitzenabsolventen des 1. Bildungswegs benachteiligen. Ist es nicht völlig egal, wann man eine Ausbildung bzw. einen Studiengang abgeschlossen hat?

In Hinsicht auf Bewerbungen kann man von den Amerikanern lernen. In den USA ist es Arbeitgebern lt. „anti discrimination act“ seit 1967 (!) verboten, nach Alter, Religionszugehörigkeit und Herkunft zu fragen oder ein Passfoto zu verlangen. Amerikanische Bewerbungsmappen bestehen aus Adresse und „Skills“ (Fähigkeiten), mit einer unbescheiden formulierten Selbstvermarktung („Ich habe als Lagerarbeiter durch konsequente Umsetzung des Total Quality Managements dazu beigetragen, die Steigerung der Eigenkapitalrendite meines früheren Arbeitgebers SuperDuper Inc. um 17% zu steigern“…).

Solche Formulierungen halten Sie für nichtssagend und nicht nachprüfbar? Das ist ja der Punkt. So sehen amerikanische Bewerbungen aus.

Geht man diesen Weg konsequent weiter, besteht eine Bewerbung der Zukunft nur aus Name, Adresse und Eigenangaben über Fähigkeiten.

Familienstand, Kinderzahl, Geschlecht, Dauer früherer Beschäftigungsverhältnisse, Zeiten der Arbeitslosigkeit, etc. sind nicht mehr erlaubt, so daß auch unter diesen Aspekten keine Diskriminierung mehr möglich ist. Um unter diesen Umständen die Eignung von Bewerbern zu ermitteln, hilft den Arbeitgebern nur noch eines: Einstellungstests. Diese sind ohnehin auch für die Arbeitgeber wesentlich sinnvoller, weil sie mit maßgeschneiderten Einstellungstests jenseits aller Zeugnisse die tatsächliche Eignung der Kandidaten für die spezifische Aufgabe ermitteln können. Zudem geben Zeugnisse im Gegensatz zu gut durchdachten Eignungstests nicht den mindesten Aufschluß über die Persönlichkeit und emotionale Intelligenz eines potentiellen Arbeitnehmers.
Unbrauchbare Kandidaten, die (wie auch immer) an zu gute Zeugnisse gelangten, fliegen auf, während z.B. erfahrene, ältere, brauchbarere Kandidaten entdeckt werden.

Für Jobsuchende heißt das: Bei jeder Bewerbung hat jeder Kandidat grundsätzlich genau die Chancen, die seiner tatsächlichen Eignung entsprechen. Führt der Einstellungstest nicht zum Job: Macht nichts! Neue Bewerbung, neue Chance für jeden.
Namen und Testergebnisse dürfen die Unternehmen nicht speichern. Und da die Arbeitgeber niemals das Alter der Bewerber/Mitarbeiter erfahren (Lohnsteuerkarten wer-den abgeschafft – siehe 3.3.; in Sozialversicherungsnummern wird die Jahrgangszahl durch Buchstaben ersetzt), läuft auch kein Countdown bis zur Rente. Wann man in Rente geht, entscheidet jeder selbst (4.3.).

Ein weiterer positiver Effekt der Eignungstests: Da der Aufwand für den Arbeitgeber relativ hoch ist (in Italien ist es z.B. längst keine Seltenheit mehr, daß sich auf 3 Postbotenstellen 60.000 Menschen bewerben), ist er eher geneigt, die ihm bekannten gegenwärtigen Mitarbeiter zu halten, statt sie vorschnell zu entlassen.
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