Leseprobe
Auszug aus dem Buch "Die Geldlawine". Im Text erwähnte Nummerierungen beziehen sich auf andere Kapitel des Buches. Die nachfolgenden Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt, um das Lesen am Bildschim zu erleichtern. Links wurden ebenfalls nachträglich eingefügt.
Übersicht:
- Stammtisch-Hetze
- Weintrinker predigen Wasser
- Die größten Sozialschmarotzer: Unternehmen
- Maßlose Übertreibung
- Schwer besetzbar sind nur miese Jobs
- Billig-Zwangsarbeit zerstört echte Arbeitsplätze
- Warum Arbeitsverweigerer nützlich sind
- Arbeitslosengeld ist für Steuerzahler billiger
- Arbeit muß sich lohnen
1.3.5.: Arbeitsverweigerer und Arbeitslose
sind nützlich für Arbeitnehmer
Stammtisch-Hetze
Der Erfolg von Medien läßt sich oft durch Polarisierung steigern. Zu diesem Zweck eignen sich auch Kampagnen gegen (angebliche) Arbeitsverweigerer, denen man ihre monatlich absurd niedrigen 347 € ALG II neidet. Zahllose Stammtische übernahmen das „Feindbild Sozialparasit“ des Bundesarbeitslosenbeschimpfungsministers – aber nur so lange, bis die Stammtischmenschen selbst arbeitslos werden und feststellen, daß sie nun selbst in den Augen simpler Hirne als Sozialschmarotzer gelten und das Leben von monatlich 345 € verdammt hart ist.
Weintrinker predigen Wasser
Daß
gerade Ex-Arbeitsminister Clement eine Diskussion über
Leistungsmißbrauch und ALG-II-„Parasiten“
lostrat, ist u.a. insofern unverständlich, als Clement (als
ehemaliger Landesminister, Ministerpräsident und
Bundesminister) ebenso wie z.B. Ex-Finanzminister Hans Eichel (als
ehemaliger Bürgermeister, Ministerpräsident und
Bundesminister) und ebenso wie zahlreiche andere Politiker von CDU,
CSU, SPD und FDP auf Kosten der Steuerzahler Mehrfachrentenzahlungen in
Anspruch nehmen, die ein Mehrfaches dessen ausmachen, was ein
Rentenversicherter (bei gleichem Gehalt) erhalten würde.
Zahllose Parlamentarier der o.g. 4 Parteien nutzen jede sich bietende
Gelegenheit, durch Nebeneinkünfte ihre Finan-zen aufzubessern.
Der ehemalige FDP-Schatzmeister und Bundeswirtschaftsminister
Günter Rexrodt war Rekordhalter mit elf (!) gleichzeitigen
Nebeneinkunftsquellen, darunter sehr bedenkliche Auftraggeber, die
erhebliche Interessenkonflikte auslösten (z.B.
Energiemonopolist Vattenfall). Faustregel: Je drastischer Politiker
Eigenverantwortung predigen, desto mehr Nebeneinkünfte haben
sie – quasi als Vorbild.
Wirtschaftsvertreter,
die auf Kosten der Steuerzahler alle erdenklichen geldwerten Vorteile
(Firmenwagen, Gastronomiespesen, überhöhte
Betriebsrenten, etc.) von der Steuer absetzen und ohne Not
Gestaltungsspielräume in ihren Bilanzen nutzen, werfen ebenso
Steine im Glashaus wie z.B. die
Vorstände/Geschäftsführer von Unternehmen,
die ältere Mitarbeiter auf Kosten der Rentenkasse/Steuerzahler
in den Vorruhestand entsorgen.
Es erscheint sinnvoll, sich mit den weitaus größeren
und interessanteren Fällen von legalem
Leistungsmißbrauch zu beschäftigen. Die EU und das
Land Sachsen zahlten z.B. der Unternehmensgruppe Theo Müller
(Müller Milch) 2003 70 Mio. € Subventionen
für 148 neue Arbeitsplätze in Sachsen, also 473.000
€ pro Arbeitsplatz. Da die zusätzlichen
Kapazitäten des Werkes in Sachsen
überflüssig waren, schloß die
Müller-Gruppe gleichzeitig 2 Werke in Westdeutschland und
entließ die dortigen 165 Mitarbeiter. Insgesamt zahlten EU
und das Land Sachsen also 70 Mio. € Steuergelder für
den Abbau von 17 Arbeitsplätzen (mehr dazu finden Sie
hier und hier).
Der legale Leistungsmißbrauch ist überall zu finden,
wo die etablierten Parteien ihn ermöglichen. Gut verdienende
Unternehmen wie BMW, die es eigentlich nicht nötig haben,
lassen sich vom Steuerzahler spon-sern (Werk Leipzig). Besserverdiener
mehren auf Kosten der Steuerzahler mit Immobilien und Steuersparfonds
ihr Privatvermögen. Wer ein Haus finanzieren kann, ist in den
seltensten Fällen auf staatliche Fördergelder
angewiesen, nimmt diese Leistungen aber trotzdem gern mit. Zahlreiche
Subventionsempfänger erhal-ten einen Großteil Ihrer
Einkünfte im Wesentlichen vom Steuerzahler, usw. Wer bleibt
eigentlich übrig, der sich darüber aufregen
dürfte? Wer würde in der gleichen Situation nicht
ebenso handeln?
Maßlose Übertreibung
Zunächst
einmal ist zu relativieren, daß die Zahl der
tatsächlichen Sozialbetrüger und Arbeitsverweigerer
verschwindend gering und damit irrelevant für die Sozialkassen
ist (u.a. Jonas Viering: „Das Märchen vom
Missbrauch“, SZ 21.10.2005).
Schwer besetzbar sind nur miese Jobs
Wenn Arbeitgeber die Unbesetzbarkeit von Stellen beklagen,
genügt
ein Blick auf die Qualität dieser Jobs. Löhne, von
denen man kaum leben und keine Familie ernähren kann.
Entfernungen und Arbeitszeiten, die Beziehungen und Familien verhindern
und zerstören. Schlechte Bedingungen abzulehnen ist also
absolut vernünftig. Bei guten Arbeitsplätzen mit
guten Bedingungen existiert das Jobbesetzungsproblem (wenn
überhaupt) nur bei extrem hohen Qualifikationsanforderungen -
und dann nützt Druck auf Arbeitslose nun wirklich nichts.
Nullsummenspiele
Arbeitsverweigerer wären nur dann ein Problem, wenn ihnen
massenhaft unbesetzbare offene Stellen
gegenüberstünden – und das ist
unzweifelhaft nicht der Fall. Jeder unmotivierte Arbeitslose, der
gezwungen wird, einen Arbeitsplatz anzunehmen, nimmt ihn einem anderen,
motivierteren Bewerber weg. Insgesamt bleibt es ein Nullsummenspiel.
Wer
Arbeit um jeden (niedrigen) Preis erzwingen will, sollte erst genau
überlegen, ob er solche Jobs für sich selbst als
erstrebenswertes Ziel betrachtet, bevor er es für andere
Menschen fordert (siehe 1.2.3.: Erdbeerpflücker-Selbstversuch
des Journalisten M.). Wer keine solchen ethischen Skrupel kennt, der
muß sich dennoch eingestehen, daß
Billig-Zwangsarbeit immer echte Arbeitsplätze
zerstört (1.3.4.).
Warum Arbeitsverweigerer nützlich sind
Der größte Vorteil der Arbeitsverweigerer ist,
daß sie das Überangebot an Arbeitskraft nicht
vergrößern. Denn je mehr Menschen in minderwertige
Jobs gepresst werden, desto größer wird der Druck
auf die Gehälter (und alle anderen Arbeitsbedingungen) auch
derjenigen, die heute sorglos sind und relativ gut verdienen.
Immer
weiter wachsende Heerscharen arbeitsloser Akademiker würden
die Arbeitsplätze der Besserverdiener liebend gern
für erheblich weniger Gehalt, weniger Urlaub und
längere Arbeitszeiten übernehmen. Dementsprechend
sind Gehaltsverhandlungen bei Neueinstellungen eine Freude -
für Arbeitgeber. Fast jeder, der heute seinen Arbeitsplatz
wechseln muß, steigt (selbst bei gleichwertigem neuem
Arbeitsplatz) gehaltlich ab. Besonders drastisch ist der
Verdrängungswettbewerb allerdings in den unteren Lohngruppen.
Gegen 400-€-Jobs haben selbst Geringverdiener keine Chance.
Je mehr Menschen die Arbeit verweigern, desto bessere Bedingungen
(Gehalt, Arbeitszeiten, etc.) müssen Arbeitgeber bieten,
sofern sie unverzichtbare Stellen besetzen wollen. Die
Nutznießer sind also die Arbeitnehmer. Für
Arbeitgeber ist das überhaupt kein Problem, sofern man den
Kostendruck des internationalen Wettbewerbs reduziert (2.2.3.).
Arbeitgeber haben – was das Gehalt betrifft - das
entgegengesetzte Ziel von Arbeitnehmern. Je weniger Gehalt, desto
höher ihr Profit. Daher haben die Unternehmer-Lobbyisten
vollkommen logische Gründe, in der öffentlichen
Diskussion die Arbeitsverweigerer als Problem hinzustellen. Politiker,
die sich den Unternehmer-Lobbyisten anschließen, sollten sich
fragen, wer sie gewählt hat. Ein genauer Blick auf
Nebeneinkünfte und Abhängigkeiten ist ebenfalls
sinnvoll (7.4.).
Arbeitslosengeld ist für Steuerzahler billiger
Warum wäre die Zahlung eines (nicht zu geringen)
Arbeitslosengeldes (alias Bürgergeldes alias Sozialhilfe)
weitaus besser als Billigjobs?
Zunächst einmal, weil auch dies
die Gehälter nicht unter Druck setzt. Gesamtwirtschaftlich
und auch für die Steuerzahler ist die Versorgung per
Sozialhilfe die kostengünstigste Lösung, Menschen
(bewußt zynisch ausgedrückt) zu
„entsorgen“, die in unserer zunehmend
automatisierten Arbeitswelt schlichtweg überflüssig
sind. Wer nicht arbeitet, macht einen Arbeitsplatz frei.
Ein staatlich
finanzierter Lebensunterhalt von jährlich 24.000 €
ist gesamtwirtschaftlich billiger als die Zahlung eines Gehalts von
40.000 € (2.2.7.), da die Gesamtheit aller Gehälter
über die Gesamtheit aller Produktkaufpreise durch die
Gesamtheit aller Konsumenten bezahlt werden muß.
Die
Konsumenten haben also die Wahl, ob sie aus ihrer linken Tasche
(über den Staatshaushalt = Steuerzahlungen) jedem
Arbeitsverweigerer 24.000 € zahlen oder aus der rechten Tasche
(über seine Konsumausgaben) demselben Menschen als
Arbeitnehmer 40.000 € zahlen. Gleiches gilt übrigens
für Studenten/Auszubildende (2.2.11.).
Die Stammtisch-Hetze gegen die angeblichen Sozialschmarotzer kann man
am besten mit Zahlen des Statistischem Bundesamtes und des
Bundesarbeitsministeriums entkräften. Wer weniger als 12
Monate arbeitslos ist, erhält für seine
Arbeitslosenversicherungsbeiträge das Arbeitslosengeld I (ALG
I). ALG I-Empfänger kosten die Steuerzahler also
überhaupt nichts. 3.865.353 arbeitsuchende und
arbeitsfähige Menschen waren länger als 12 Monate
arbeitslos und erhielten deshalb ALG II / Hartz IV. Zusammen mit ihren
Partnern/Kindern bilden sie
„Bedarfsgemeinschaften“. Im September 2005
erhielten die 3.865.353 Bedarfsgemeinschaften monatlich
durchschnittlich 834 €. Davon entfielen 274 € auf
Wohngeld und Heizkosten, 205 € auf Sozialbeiträge und
355 € auf die monatlichen Lebenshaltungskosten. Nichts daran
ist beneidenswert.
3.865.353 Bedarfsgemeinschaften mal durchschnittlich
834 € mal 12 Monate kosteten die Steuerzahler also knapp 39
Mrd. € im Jahr.
Am Stammtisch heißt es oft, „die Arbeitslosen
sollen sich einen Job suchen“. Nehmen wir an, die 3.865.353
Menschen hätten bei ihrer Jobsuche Erfolg und wären
künftig (relativ niedrig bezahlt) Arbeiter in der Produktion.
Dann läge ihr Durchschnittsverdienst lt. Statistischem
Bundesamt bei 2.560 € monatlich. Damit kosten sie ihre
Arbeitgeber durchschnittlich (incl. Lohnnebenkosten) 37.720 €
jährlich. Diese 37.260 € müssen irgendwo
herkommen. Dieses „irgendwo“ ist der Preis der
Produkte ihres Unternehmens. Wenn nun 3.865.353 ehemalige ALG
II-Empfänger Lohnkosten von durchschnittlich 37.260 €
verursachen, sind das insgesamt rd. 144 Mrd. €. Diese 144 Mrd.
€ Lohnkosten muß irgendwer zahlen. Dieser
„irgendwer“ ist der Konsument, der mit den Preisen
von Produkten auch die darin enthaltenen Lohnkosten zahlt.
Da Steuerzahler gleichzeitig Konsumenten sind, zahlen sie entweder
3.865.353 arbeitslosen Menschen 39 Mrd. € ALG II mit ihren
Steuern oder 3.865.353 Arbeitnehmern 144 Mrd. € mit ihren
Konsumausgaben.
Verdienen die ehemals Arbeitslosen mehr als die o.g. 2.560 €
monatlich, sind die Kosten für die Konsumenten umso
höher. Auch weil mehrere Millionen zusätzliche
Konkurrenten auf die Gehälter drücken
würden, ist es also aus Sicht der Steuerzahler/Konsumenten
viel billiger, die so genannten
„Drückeberger“ nicht in Arbeit zu zwingen.
Es wäre für die Steuerzahler / Konsumenten sogar
billiger, 5 Mio. Drückebergern jeweils 2.000 €
monatlich (also insgesamt 120 Mrd. €) zu zahlen. Das Problem
liegt im Sozialneid, nicht in den Finanzen.
Arbeit muß sich lohnen
Die Behauptung vieler Politiker und einiger Wirtschaftsprofessoren, das
angeblich zu hohe Arbeitslosengeld sei als Lohnkonkurrenz
mitverantwortlich für die Arbeitslosigkeit
(„Lohnabstandsgebot“), ist in die falsche Richtung
gedacht. Das Ziel kann nur sein, die Gehälter
dermaßen weit über relativ hohe
Arbeitslosenunterstützungen zu treiben, daß sich
Arbeit lohnt. Dabei kann und muß natürlich
gleichzeitig die globale Lohnkostenkonkurrenz beseitigt werden
(2.2.3., 3.4.).
