Steueroase

 

Leseprobe

Auszug aus dem Buch "Die Geldlawine". Im Text erwähnte Nummerierungen beziehen sich auf andere Kapitel des Buches. Die nachfolgenden Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt, um das Lesen am Bildschim zu erleichtern. Links wurden ebenfalls nachträglich eingefügt, um zu Quelltexten zu gelangen.


1.3.2.: Produktivitätssteigerungen zerstören Arbeitsplätze


Ein Beispiel: Jeder 7. deutsche Arbeitsplatz hängt von der Automobilindustrie ab. Mit jeder Fahrzeuggeneration steigern die Konstrukteure und Betriebsleiter die Produktivität allerdings um rd. 20% - und benötigen entsprechend weniger Mitarbeiter.

Wie verkauft man Investitionsgüter (also Maschinen, Computer, etc.)? Indem man Arbeitgebern die Möglichkeit aufzeigt, ihre Kosten durch Arbeitsplatzabbau zu senken.

Dieses kranke Wirtschaftssystem feiern die Experten als Produktivitätssteigerung. Vor über 30 Jahren erhielt dieser Mechanismus seine Sprengkraft – seit die kommerzielle Nutzung von Computern und Automaten billiger als die menschliche Arbeitskraft ist. Experten, Unternehmer und die etablierten Parteien propagieren unermüdlich die Meinung, daß wir unser Gehaltsniveau nur durch Produktivitätssteigerungen halten können.

Wenn man alle weiteren Zusammenhänge ausblendet und seinen Horizont nur auf das Gehaltsniveau der übrigbleibenden Arbeitsplätze beschränkt, würde das vorläufig stimmen – sofern es keinen Druck auf die Gehälter gäbe, den das wachsende Überangebot hochqualifizierter Arbeitsloser ausübt. Und sofern alle Arbeitslosen einen Trick finden, ohne die Sozialabgaben der letzten Arbeitnehmer zu überleben.

Eine Kernthese der etablierten Parteien und Experten lautet: „Wir müssen soviel besser sein, wie wir teurer sind“. Tatsache ist jedoch, daß der zum Erhalt unseres Gehaltsniveaus notwendige Qualitäts-, Wissens- und Produktivitätsvorsprung überhaupt nicht erreichbar ist. Daß mehr und bessere Ingenieure mit hochqualitativen Ideen Deutschlands Technologievorsprung ausbauen bzw. zurückerobern sollen, ist illusorisch. Jährlich schließen 10.000 Deutsche ihr Ingenieurstudium ab – und 400.000 Chinesen mit existenziellem Erfolgsdruck. Es ist arrogant und naiv, Chinesen das Niveau der deutschen Ingenieure nicht zuzutrauen. Auch z.B. indische Programmierer, ungarische Facharbeiter und polnische Handwerker haben längst deutsches Qualitätsniveau erreicht. Sie lernen schnell und stehen preisgünstig in Massen bereit. Jede Produktionsanlage, die unter dem Applaus der Experten und etablierten Parteien nach Osteuropa und Asien exportiert wird, transferiert Know-how und baut den Wissensvorsprung ab (1.3.12.). Wie soll Deutschland unter solchen Umständen einen Wissens- und Produktivitätsvorsprung erreichen, der das Gehaltsniveau ausgleichen kann?

Da es keinen Zeitpunkt geben wird, an dem hungrige Konkurrenz-Nationen das globale Produktivitätswettrennen freiwillig einstellen, muß die Produktivität unendlich lange steigen. Es ist wie ein Rüstungswettlauf, bei dem sich keine Seite schwächere Waffen erlauben darf, wenn sie nicht untergehen will. Der militärische Vergleich ist hier absolut angebracht. Die Arbeitnehmerarmeen befinden sich im Krieg, ohne sich bewußt zu sein, daß der Gegner nicht die produktiveren Arbeitnehmer mit den niedrigeren Lohnstückkosten sind, sondern das Wirtschaftssystem und dessen Generäle. Der Wettlauf ist erst dann beendet, wenn soviele Arbeitsplätze durch Automaten, Roboter und Computersysteme ersetzt wurden, daß die übrig gebliebenen Gehaltsempfänger den Rest der Gesellschaft nicht mehr ernähren können.

Die Frage ist nicht, ob dieser Punkt erreicht wird, sondern wann.

Auch megaqualifizierte Arbeitnehmer werden durch noch leistungsfähigere und billigere „künstliche Arbeitnehmer“ ersetzt (siehe 2.1.2.). Der ewige Produktivitätswettlauf kann also weder Deutschlands Kostenproblem lösen noch unseren Lebensstandard sichern.
Produktivitätssteigerung ist folglich nicht die Lösung, sondern die Hauptursache für Arbeitslosigkeit.

Die von den Experten auserkorene Hochtechnologie schafft zwar eine bescheidene Zahl neuer Arbeitsplätze – rationalisiert dabei jedoch ein Vielfaches der bisherigen Arbeitsplätze weg. Für Arbeitsmarkt, Kaufkraft, Steuereinnahmen, Rentenkassen, Krankenkassen, etc. ist Rationalisierung also langfristig zwangsläufig tödlich. Wer Produktivitätssteigerung und Rationalisierung für erstrebenswert hält, offenbart Hilflosigkeit und/oder einen kurzen Horizont.

Entwickelt sich denn wenigstens die Zahl der High-Tech-Jobs positiv? Nicht einmal das. Die Zahl der Beschäftigten in der IT- (= „Informationstechnik“) und Telekommunikationsbranche geht seit dem Jahr 2000 zurück. Lt. IG Metall gingen in 2003 4% dieser Arbeitsplätze verloren, 713.000 sind noch übrig, der weitere Stellenabbau läuft. Alfons Rissberger, Mitbegründer der „Initiative D21“ (Schirmherr: Ex-Kanzler Schröder), sprach als Insider auf der Cebit 2004 eine bedenkliche Wahrheit aus: „Allein in Deutschland werden durch vernetzte Computersysteme in dieser Dekade rund 1 Mio. Arbeitsplätze wegfallen. (…) Wir lügen uns selbst was in die Tasche. Wir werden nie mehr so viel Wachstum haben, um diese Jobverluste auszugleichen.“

(Der Spiegel Nr. 13/2004).

An diesen Fakten sind zwei Dinge besonders haarsträubend. Erstens ist nicht nur die Quantität, sondern die Qualität der IT-bedingten Jobverluste dramatisch, denn durch IT werden kaum Dienstleistungs-Billiglöhner, sondern vor allem Bezieher mittlerer Einkommen arbeitslos. Zweitens habe ich bei meiner Recherche keinen einzigen Journalisten entdeckt, der in diesem Punkt den Blick für das Wesentliche beweist (siehe 1.2.3.). Zeitgleich zu den klaren Worten von Alfons Rissberger schrieb z.B. ein namhafter Journalist: „Die Softwarebranche sichert heute viele zehntausend gut bezahlte Jobs – und widerlegt damit die Befürchtung, dem Kapitalismus gehe irgendwann die Arbeit aus.“ Darauf kann man nur antworten: Nicht dem Kapitalismus geht die Arbeit aus – sondern den Menschen.

Auf rein betriebswirtschaftlicher Ebene ist ein Produktivitätsgewinn zwar positiv. Den groben Denkfehler begehen die etablierten Parteien und Experten, weil sie nicht erkannt haben, daß man die „Produktivität der Gesamtheit aller Arbeitsplätze in einer Volkswirtschaft“ durch die „Bevölkerung der Volkswirtschaft“ dividieren muß.
Da die volkswirtschaftliche Produktivität sämtlicher Nicht-Gehaltsempfänger (nicht nur Rentner und Arbeitslose) Null ist, müssen immer weniger „echte“ (Sozialversicherung zahlende) Arbeitnehmer immer mehr Nicht-Gehaltsempfänger finanzieren. Eine Vertiefung dieses ungeheuer wichtigen Themas bietet z.B. Gabor Steingart („Deutschland – Abstieg eines Superstars“, Kapitel 2: „Die Fabrik der Arbeitslosen“ und „Der überforderte Sozialstaat“).

Zwischenfazit ist, daß die Arbeitsplatzverluste gesamtwirtschaftlich weitaus teurer sind als der Produktivitätsgewinn, von dem nur die einzelnen Unternehmen profitieren. Ein Minusgeschäft, das Staat und Gesellschaft in den Konkurs führen muß.

Maschinen kaufen keine Produkte


Aber auch die Unternehmen steuern langfristig auf den Ruin zu, weil in einer automatisierbaren Marktwirtschaft die Kaufkraft der Endkunden im Laufe der Zeit zwangsläufig gegen Null tendieren muß. Maschinen kaufen keine Produkte. Diesen Nullpunkt werden wir allerdings nicht erleben, weil die Sozialsysteme kollabieren, sobald die immer zahlreicher werdenden Rentner (4.1.) und das Subproletariat (1.3.4.) nicht mehr von dem leben können, was die übrig gebliebenen Arbeitnehmer von ihren sinkenden Gehältern abzweigen können. Der überschuldete Staat (3.1.6.) wird nicht mehr lange in der Lage sein, Sozialleistungen durch weitere Schulden zu finanzieren.

Das halten sie für übertrieben? Die aktuelle Krise ist erst ein Anfang. Die innere Kündigung der Bürger läuft längst. Bisher noch gewaltlos durch Nichtwählen, Extremwählen, den „Volkssport“ Steuerhinterziehung, Schwarzarbeit, etc. Wir werden Überlebenskriminalität und gewalttätige Ausschreitungen erleben, sobald ein Zündfunke die ohnmächtige Wut des Volkes entzündet. Auch hier ist die Frage nicht ob, sondern wann es geschieht.


Die Lösung: Dosierung der Produktivität

Was man dagegen tun kann, liegt auf der Hand: Man muß die Produktivität so dosieren, daß für alle Menschen gut bezahlte Arbeit bleibt.


Wir können uns auch den Luxus leisten, die endlose Beschleunigung der Arbeit umzukehren in eine „Entschleunigung“ (siehe auch: Fritz Reheis: „Entschleunigung – Abschied vom Turbokapitalismus“). Hamsterräder und Burnout-Syndrom gäbe es dann nicht mehr. Ein Wirtschaftssystem muß auch ohne Wachstum und zur Not auch ohne jegliche Innovationen funktionieren – sonst ist es eine Fehlkonstruktion.

Wären alle Regierungen der Welt solidarisch, wäre die Lösung einfach. Da sich aber jede Nation selbst die Nächste ist, besteht diese Option nicht. Es führt also kein Weg daran vorbei, unser nationales Wirtschaftssystem so zu verändern, daß wir auch ohne Produktivitätswettlauf (und ohne Protektionismus) unseren Lebensstandard halten können (2.2., 2.3., 3.4.).

Um einem Mißverständnis vorzubeugen: Produktivitätssteigerungen (beziehen sich auf Produktionsprozesse) sind nicht zu verwechseln mit Innovationen (beziehen sich auf Produkte und wirken positiv).


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