Leseprobe
Auszug aus dem Buch "Die Geldlawine". Im Text erwähnte Nummerierungen beziehen sich auf andere Kapitel des Buches. Die nachfolgenden Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt, um das Lesen am Bildschim zu erleichtern. Links wurden ebenfalls nachträglich eingefügt, um zu Quelltexten zu gelangen.
Ein Beispiel: Jeder 7. deutsche Arbeitsplatz hängt von der
Automobilindustrie ab. Mit jeder Fahrzeuggeneration steigern die
Konstrukteure und Betriebsleiter die Produktivität allerdings
um
rd. 20% - und benötigen entsprechend weniger Mitarbeiter.
Wie
verkauft man Investitionsgüter (also Maschinen, Computer,
etc.)?
Indem man Arbeitgebern die Möglichkeit aufzeigt, ihre Kosten
durch
Arbeitsplatzabbau zu senken.
Dieses
kranke Wirtschaftssystem feiern die Experten als
Produktivitätssteigerung. Vor über 30 Jahren erhielt
dieser
Mechanismus seine Sprengkraft – seit die kommerzielle Nutzung
von
Computern und Automaten billiger als die menschliche Arbeitskraft ist.
Experten, Unternehmer und die etablierten Parteien propagieren
unermüdlich die Meinung, daß wir unser Gehaltsniveau
nur
durch Produktivitätssteigerungen halten können.
Wenn
man alle weiteren Zusammenhänge ausblendet und seinen Horizont
nur
auf das Gehaltsniveau der übrigbleibenden
Arbeitsplätze
beschränkt, würde das vorläufig stimmen
– sofern
es keinen Druck auf die Gehälter gäbe, den das
wachsende
Überangebot hochqualifizierter Arbeitsloser ausübt.
Und
sofern alle Arbeitslosen einen Trick finden, ohne die Sozialabgaben der
letzten Arbeitnehmer zu überleben.
Eine
Kernthese der etablierten Parteien und Experten lautet: „Wir
müssen soviel besser sein, wie wir teurer sind“.
Tatsache
ist jedoch, daß der zum Erhalt unseres Gehaltsniveaus
notwendige
Qualitäts-, Wissens- und Produktivitätsvorsprung
überhaupt nicht erreichbar ist. Daß mehr und bessere
Ingenieure mit hochqualitativen Ideen Deutschlands Technologievorsprung
ausbauen bzw. zurückerobern sollen, ist illusorisch.
Jährlich
schließen 10.000 Deutsche ihr Ingenieurstudium ab –
und
400.000 Chinesen mit existenziellem Erfolgsdruck. Es ist arrogant und
naiv, Chinesen das Niveau der deutschen Ingenieure nicht zuzutrauen.
Auch z.B. indische Programmierer, ungarische Facharbeiter und polnische
Handwerker haben längst deutsches Qualitätsniveau
erreicht.
Sie lernen schnell und stehen preisgünstig in Massen bereit.
Jede
Produktionsanlage, die unter dem Applaus der Experten und etablierten
Parteien nach Osteuropa und Asien exportiert wird, transferiert
Know-how und baut den Wissensvorsprung ab (1.3.12.). Wie soll
Deutschland unter solchen Umständen einen Wissens- und
Produktivitätsvorsprung erreichen, der das Gehaltsniveau
ausgleichen kann?
Da
es keinen Zeitpunkt geben wird, an dem hungrige Konkurrenz-Nationen das
globale Produktivitätswettrennen freiwillig einstellen,
muß
die Produktivität unendlich lange steigen. Es ist wie ein
Rüstungswettlauf, bei dem sich keine Seite schwächere
Waffen
erlauben darf, wenn sie nicht untergehen will. Der
militärische
Vergleich ist hier absolut angebracht. Die Arbeitnehmerarmeen befinden
sich im Krieg, ohne sich bewußt zu sein, daß der
Gegner
nicht die produktiveren Arbeitnehmer mit den niedrigeren
Lohnstückkosten sind, sondern das Wirtschaftssystem und dessen
Generäle. Der Wettlauf ist erst dann beendet, wenn soviele
Arbeitsplätze durch Automaten, Roboter und Computersysteme
ersetzt
wurden, daß die übrig gebliebenen
Gehaltsempfänger den
Rest der Gesellschaft nicht mehr ernähren können.
Die
Frage ist nicht, ob dieser Punkt erreicht wird, sondern wann.
Auch
megaqualifizierte Arbeitnehmer werden durch noch
leistungsfähigere
und billigere „künstliche Arbeitnehmer“
ersetzt (siehe
2.1.2.). Der ewige
Produktivitätswettlauf kann also weder Deutschlands
Kostenproblem
lösen noch unseren Lebensstandard sichern.
Produktivitätssteigerung ist folglich nicht die
Lösung, sondern die Hauptursache für Arbeitslosigkeit.
Die
von den Experten auserkorene Hochtechnologie schafft zwar eine
bescheidene Zahl neuer Arbeitsplätze –
rationalisiert dabei
jedoch ein Vielfaches der bisherigen Arbeitsplätze weg.
Für
Arbeitsmarkt, Kaufkraft, Steuereinnahmen, Rentenkassen, Krankenkassen,
etc. ist Rationalisierung also langfristig zwangsläufig
tödlich. Wer Produktivitätssteigerung und
Rationalisierung
für erstrebenswert hält, offenbart Hilflosigkeit
und/oder
einen kurzen Horizont.
Entwickelt sich denn wenigstens die Zahl der High-Tech-Jobs positiv?
Nicht einmal das. Die Zahl der Beschäftigten in der IT- (=
„Informationstechnik“) und
Telekommunikationsbranche geht
seit dem Jahr 2000 zurück. Lt. IG Metall gingen in 2003 4%
dieser
Arbeitsplätze verloren, 713.000 sind noch übrig, der
weitere
Stellenabbau läuft. Alfons Rissberger, Mitbegründer
der
„Initiative D21“ (Schirmherr: Ex-Kanzler
Schröder),
sprach als Insider auf der Cebit 2004 eine bedenkliche Wahrheit aus:
„Allein in Deutschland werden durch vernetzte Computersysteme
in
dieser Dekade rund 1 Mio. Arbeitsplätze wegfallen.
(…) Wir
lügen uns selbst was in die Tasche. Wir werden nie mehr so
viel
Wachstum haben, um diese Jobverluste auszugleichen.“
(Der
Spiegel Nr. 13/2004).
An
diesen Fakten sind zwei Dinge besonders haarsträubend. Erstens
ist
nicht nur die Quantität, sondern die Qualität der
IT-bedingten Jobverluste dramatisch, denn durch IT werden kaum
Dienstleistungs-Billiglöhner, sondern vor allem Bezieher
mittlerer
Einkommen arbeitslos. Zweitens habe ich bei meiner Recherche keinen
einzigen Journalisten entdeckt, der in diesem Punkt den Blick
für
das Wesentliche beweist (siehe 1.2.3.). Zeitgleich zu den klaren Worten
von Alfons Rissberger schrieb z.B. ein namhafter Journalist:
„Die
Softwarebranche sichert heute viele zehntausend gut bezahlte Jobs
– und widerlegt damit die Befürchtung, dem
Kapitalismus gehe
irgendwann die Arbeit aus.“ Darauf kann man nur antworten:
Nicht
dem Kapitalismus geht die Arbeit aus – sondern den Menschen.
Auf
rein betriebswirtschaftlicher Ebene ist ein
Produktivitätsgewinn
zwar positiv. Den groben Denkfehler begehen die etablierten Parteien
und Experten, weil sie nicht erkannt haben, daß man die
„Produktivität der Gesamtheit aller
Arbeitsplätze in
einer Volkswirtschaft“ durch die
„Bevölkerung der
Volkswirtschaft“ dividieren muß.
Da
die volkswirtschaftliche Produktivität sämtlicher
Nicht-Gehaltsempfänger (nicht nur Rentner und Arbeitslose)
Null
ist, müssen immer weniger „echte“
(Sozialversicherung
zahlende) Arbeitnehmer immer mehr Nicht-Gehaltsempfänger
finanzieren. Eine Vertiefung dieses ungeheuer wichtigen Themas bietet
z.B. Gabor Steingart („Deutschland
– Abstieg eines Superstars“, Kapitel 2:
„Die Fabrik
der Arbeitslosen“ und „Der überforderte
Sozialstaat“).
Zwischenfazit ist, daß die Arbeitsplatzverluste
gesamtwirtschaftlich weitaus teurer sind als der
Produktivitätsgewinn, von dem nur die einzelnen Unternehmen
profitieren. Ein Minusgeschäft, das Staat und Gesellschaft in
den
Konkurs führen muß.
Maschinen kaufen keine Produkte
Aber
auch die Unternehmen steuern langfristig auf den Ruin zu, weil in einer
automatisierbaren Marktwirtschaft die Kaufkraft der Endkunden im Laufe
der Zeit zwangsläufig gegen Null tendieren muß.
Maschinen
kaufen keine Produkte. Diesen Nullpunkt werden wir allerdings nicht
erleben, weil die Sozialsysteme kollabieren, sobald die immer
zahlreicher werdenden Rentner (4.1.) und das Subproletariat (1.3.4.)
nicht mehr von dem leben können, was die übrig
gebliebenen
Arbeitnehmer von ihren sinkenden Gehältern abzweigen
können.
Der überschuldete Staat (3.1.6.) wird nicht mehr lange in der
Lage
sein, Sozialleistungen durch weitere Schulden zu finanzieren.
Das
halten sie für übertrieben? Die aktuelle Krise ist
erst ein
Anfang. Die innere Kündigung der Bürger
läuft
längst. Bisher noch gewaltlos durch Nichtwählen,
Extremwählen, den „Volkssport“
Steuerhinterziehung,
Schwarzarbeit, etc. Wir werden Überlebenskriminalität
und
gewalttätige Ausschreitungen erleben, sobald ein
Zündfunke
die ohnmächtige Wut des Volkes entzündet. Auch hier
ist die
Frage nicht ob, sondern wann es geschieht.
Die Lösung: Dosierung
der Produktivität
Was man dagegen tun kann, liegt auf der Hand: Man muß die Produktivität so dosieren, daß für alle Menschen gut bezahlte Arbeit bleibt.
Wir
können uns auch den Luxus leisten, die endlose Beschleunigung
der
Arbeit umzukehren in eine „Entschleunigung“ (siehe
auch:
Fritz Reheis: „Entschleunigung
– Abschied vom Turbokapitalismus“).
Hamsterräder und Burnout-Syndrom gäbe es dann nicht
mehr. Ein
Wirtschaftssystem muß auch ohne Wachstum und zur Not auch
ohne
jegliche Innovationen funktionieren – sonst ist es eine
Fehlkonstruktion.
Wären
alle Regierungen der Welt solidarisch, wäre die
Lösung
einfach. Da sich aber jede Nation selbst die Nächste ist,
besteht
diese Option nicht. Es führt also kein Weg daran vorbei, unser
nationales Wirtschaftssystem so zu verändern, daß
wir auch
ohne Produktivitätswettlauf (und ohne Protektionismus) unseren
Lebensstandard halten können (2.2., 2.3., 3.4.).
Um
einem Mißverständnis vorzubeugen:
Produktivitätssteigerungen (beziehen sich auf
Produktionsprozesse)
sind nicht zu verwechseln mit Innovationen (beziehen sich auf Produkte
und wirken positiv).
