Leseprobe
Auszug aus dem Buch "Die Geldlawine". Im Text erwähnte Nummerierungen beziehen sich auf andere Kapitel des Buches. Die nachfolgenden Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt, um das Lesen am Bildschim zu erleichtern. Links wurden ebenfalls nachträglich eingefügt, um zu Quelltexten zu gelangen.
Bitte beachten Sie die Prognosen über die USA und Finanzmärkte, geschrieben im Dezember 2005!
1.3.11.: Exporte lösen keine Probleme
und schaffen
Abhängigkeiten
Die etablierten Parteien und fast sämtliche Experten
betrachten Deutschlands Exporte als einen Hoffnungsträger zur
Lösung des zentralen Problems – der
Arbeitslosigkeit.
Jahr für Jahr boomen Deutschlands Exporte,
allein um 10% in 2004. Gleichzeitig wurden 2004 jedoch rd. 2% aller
Vollzeitstellen (453.000 Arbeitnehmer, zuzüglich
abhängige Familienmit- glieder) abgebaut. Trotz Exporterfolgen
steigt die Arbeitslosigkeit also ebenso kontinuierlich.
Die Logik dabei
liegt erstens darin, daß die Exportunternehmen ihre Kosten
durch Produktivitätssteigerungen (vor allem durch
Personalabbau) senken. Zweitens sinkt ständig (durch den
steigenden Import von Vorprodukten aus Niedriglohnländern)
der Anteil deutscher Arbeitnehmer an den Exporten – von 70%
1998 auf nur noch 61% 2005.
Dieser Anteil wird im globalen
Kostensenkungswettlauf zwangsläufig immer weiter sinken. Als
z.B. China am 10.11.2005 bei der Siemens AG 60 Züge vom Typ
ICE 3 für 669 Mio. € kaufte, war das für
deutsche Arbeitnehmer irrelevant. Bis auf die Steuerungssoftware und
einzelne Komponenten erfolgt die komplette Produktion in Asien. Die 669
Mio. €, die in Deutschlands Exportbilanz verbucht wurden,
verschleierten also die Realität.
Je weiter der Anteil
deutscher Arbeitsplätze und Steuereinnahmen an den Exporten
absinkt, desto irrelevanter werden die „Erfolge“
des Exports.
Deutsche Unternehmen verbuchen also (wie im Falle der ICE 3 an China)
mehr Exporte – nicht jedoch Deutschland. Exporteure taugen
folglich nicht als Hoffungsträger für den deutschen
Arbeitsmarkt. Wer meint, die Exporte brächten deutsche
Arbeitsplätze, hat die Zusammenhänge nicht
verstanden. Das einzig Positive der Exporterfolge aus
Arbeitnehmersicht: Ohne sie sähe es noch schlimmer aus.
Die Zukunft liegt im Binnenmarkt: 5.148 Mrd. € Inlandsumsatz
Im
Umkehrschluß bedeutet dies, daß die Zukunft
deutscher Arbeitnehmer im Binnenmarkt liegen muß.
Was macht z.B. die ökonomische Macht und Anziehungskraft
Chinas und der USA aus? Ihre Binnenmärkte. Was lernen die
Experten und etablierten Parteien daraus? Nichts
Deutschland hat (nach
Kaufkraft gerechnet) zwar nach den USA und Japan den
drittstärksten Binnenmarkt der Welt, aber gefeiert werden nur
Deutschlands Exporterfolge. Diese Erfolge sind zwar schön,
aber weder wirklich wichtig noch zukunftssichernd. Exporten in
Höhe von 969 Mrd. € standen in 2007
Inlandsumsätze von 5,148 Billionen
€
gegenüber. Und darin sind nur umsatzsteuerpflichtige
Inlanndsumsätze enthalten. Alle umsatzsteuerfreien Wirtschafts-
leistungen (z.B. Gesundheitswesen, Bildung) kommen noch hinzu. Der
Export macht also nur einen kleinen Bruchteil der Wirtschaftsleistung
aus. Und rechnet man die Importe gegen ("Exportüberschuß"),
liegt der Anteil bei nur rd. 3% der Wirtschaftsleistung.
Importe zerstören viel werthaltigere Inlandsproduktion
Desweiteren verschleiert der
Exportüberschuß (also der in Geld gemessene
Vergleich von Importen und Exporten), daß Billigimporte ein
Vielfaches der im Inland hergestellten Waren ersetzen und ganze
Industriezweige zerstören. Neben den Inlands-Umsatzverlusten
sind auch die damit verbundenen Arbeitsplatzverluste,
Steuerausfälle, Sozialversicherungsausfälle etc. ein
viel zu hoher Preis. Der volkswirtschaftliche Verlust durch Importe ist
also weitaus höher als der Exportüberschuß.
Abhängigkeiten von labilen Kunden
75% aller deutschen Exporte gehen in nur 15 Länder.
Wäre die Exportnation Deutschland ein Unternehmen,
würde es also 75% seines Umsatzes mit nur 15 Kunden erzielen.
Bei einer solchen Abhängigkeit hätte jeder
Geschäftsführer schlaflose Nächte.
Deutschlands 4 wichtigste Kunden sind (in dieser Reihenfolge)
Frankreich, die USA, Großbritannien und Italien. Alle 4
Länder sind wirtschaftlich labil. Das macht sie langfristig
unberechenbar. Italien plagen massive Schuldenprobleme.
Großbritannien konnte sein Außenhandelsdefizit nur
aufgrund seines Reichtums an Nordsee-Öl und -Gas
einigermaßen ausgleichen. Diese Geldquelle geht jedoch zur
Neige, denn die Ölfelder erschöpfen sich immer
schneller. Seit Juni 2004 importiert Großbritannien mehr
Öl als es exportiert. Ca. ab 2007 wird
Großbritannien auch mehr Gas ein- als ausführen
müssen (Gerd Zitzelsberger: „Ende einer
Epoche“, SZ 16.08.04). Sein Defizit im Handel mit Deutschland
wird sich Großbritannien dann weniger leisten
können.
Alle 4 Länder stehen (wie Deutschland) vor
ungelösten Finanzierungsproblemen ihrer Renten- und
Gesundheitssysteme. In allen 4 Ländern müssen immer
mehr Arbeitslose getragen werden (die vollkommen
realitätsfernen Arbeitslosenstatistiken der Briten und
Amerikaner kann man nicht zur Grundlage seriöser
volkswirtschaftlicher Rechnungen heranziehen).
Risikofaktor Nr. 1: Die USA
Die USA sind unzweifelhaft Risikofaktor Nr. 1. Die Ausgaben der
US-Verbraucher machen rd. 65% der US-Wirtschaftsleistung aus. Das
Problem: Die US-Verbraucher geben ständig mehr Geld aus als
sie einnehmen. 2004 stieg ihr Konsum um schwache 0,8%. Die Einkommen
stiegen jedoch nominal (also nicht inflationsbereinigt) nur um 0,1%.
Real sank also das Einkommen, von dem die Weltwirtschaft
abhängt, und der Konsumzuwachs verschärft das
Schuldenproblem.
In den USA bricht nämlich nicht nur die
Staatsverschuldung (2004: zusätzlich rd. 500 Mrd. $, Gesamt
2004: rd. 7,3 Billionen $), sondern auch die Verschuldung der
Privathaushalte alle Rekorde. 9 Billionen $ Schulden hören
sich für viele zu abstrakt an, um sich diese Summe
vorzustellen. Aber durch real sinkende US-Löhne, die
tatsächliche US-Arbeitslosigkeit und die Macht des Zinseszins
rollt eine hochgefährliche Lawine auf die Weltwirtschaft zu.
1984 mussten die Amerikaner 15,5% ihres Einkommens für ihre
Schuldentilgung und Zinszahlungen aufbringen. 2004 waren es
durchschnittlich bereits 18,4% (Andreas Oldag: „Konjunktur
auf Pump“, SZ 07.09.04).
Systembedingt wird dieser Wert
weiter steigen, so daß immer weniger Geld für den
Konsum übrig bleibt. Die Amerikaner – unsere
zweitwichtigsten Kunden - werden also zunehmend zu Sklaven ihrer
Schulden. 2005 mußten 2,04 Mio. US- Haushalte Insolvenz
anmelden – 31,6% mehr als 2004.
Die aus der Schuldenfalle
entstehende US-Wirtschaftskrise wird – gefördert
durch die chronische Nervosität der Finanzmärkte
– alle Länder treffen, deren Exporte in die USA von
Bedeutung sind.
Auch wenn Deutschland nur 2% seiner Umsätze
mit USA-Exporten erzielt, kön-nen die indirekten Auswirkungen
also durchaus schmerzhaft werden.
Früher oder später könnten unsere Kunden
aufgrund ihrer Finanzprobleme gezwungen sein, die Notbremse zu ziehen
– sprich: ihren Markt abzuschotten. Frankreichs
Premierminister Raffarin und sein Wirtschaftsminister Sarkozy haben u.
a. bei der Sanofi/Aventis-Übernahme und der Verhinderung der
Sanofi-Übernahme durch Novartis eindrucksvoll bewiesen, wie
protektionistisch sie handeln. Auch der US-Kongress hat eine
umfangreiche Tradition des Protektionismus, wenn nationale Interessen
bedroht sind.
Aber nicht nur unsere 4 wichtigsten Kunden sind labil, sondern fast
alle.
Die Gefahr, daß uns überschuldete Kunden mit
nach unten reißen, steigt weiter und ist genauso
lebensgefährlich wie es zu viele zahlungsunfähige
Kunden für ein Unternehmen sind.
In Anbetracht sowohl der quantitativen als auch der qualitativen Fakten
ist also der einzige gesunde Weg für Deutschland, endlich
seinen riesigen Binnenmarkt zu nutzen, ihn auszubauen (2.2., 3.6.) und
sich von den ständig steigenden Risiken des Exports so
unabhängig wie möglich zu machen.
Exporte
dürfen nicht mehr als ein Sahnehäubchen sein, auf das
man ohne nennenswerte Konsequenzen verzichten kann.
Punkt 3.2.5.5. zeigt, wie die deutsche Exportindustrie extreme
Wettbewerbsvorteile erlangt, die aber nur von relativ kurzer Dauer sein
werden, weil alle anderen Industrienationen das System kopieren
müssen, wollen, werden und selbstverständlich auch
sollen.
