Leseprobe
Auszug aus dem Buch "Die Geldlawine". Im Text erwähnte Nummerierungen beziehen sich auf andere Kapitel des Buches. Die nachfolgenden Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt, um das Lesen am Bildschim zu erleichtern. Links wurden ebenfalls nachträglich eingefügt, um zu Quelltexten zu gelangen.
1.3.10.: Gegenmeinung und Problemlösung:
Zinsen
verursachen eine Vielzahl von Problemen für Unternehmen,
Bürger und den Staat. Zahllose unvereinbare Ideologien streiten
über die Machbarkeit von Problemlösungen – oder
kämpfen für den Erhalt der Probleme. Wie auch immer man sich
über das Thema äußert, wird man also den Angriffen von
Gegnern ausgesetzt sein. Betrachten wir das Problem möglichst
bürgerfreundlich und sachlich - und lösen es.
Wer zahlt die Zinsen? Die Konsumenten/Bürger
Steigen
wir mit einer unbestreitbaren Tatsache in das Thema ein: Zinsen sind
für den Schuldner Kosten. Diese Kosten muß jemand zahlen.
Dieser jemand ist immer der Bürger - selbst wenn er selbst keine
direkten Schulden hat. Kostenfaktor Nr. 1 ist das Wohnen. Praktisch
jede Mietwohnung wird/wurde durch Kredite finanziert, die der Vermieter
als Teil des Mietzinses durch den Mieter abbezahlen läßt.
Glaubwürdige Berechnungen gehen von einem 75%igen Zinsanteil an
den Mieten aus. Anders ausgedrückt: Bei 0% Zinsen wären die
Mieten um 75% günstiger. Zinskosten stecken in jedem Produkt, das
wir kaufen. Beim Immobi-lienkauf und bei Leasing- bzw.
Ratenkaufverträgen ist es offensichtlich. Aber auch jeder Schuh,
jedes Glas Milch und jede Zahnbürste enthält die Kreditkosten
der Hersteller und Händler, die diese Kosten über den
Produktpreis refinanzieren. Wenn Sie also ein Brot kaufen, zahlen Sie
damit u.a. die Schulden ihres Bäckers bei seiner Bank ab.
Insgesamt bestehen ca. 30-40% der durchschnittlichen
Lebenshaltungskosten jedes Bürgers aus Zinskosten. Lägen die
Zinsen bei 0%, wäre das Leben also um 30-40% billiger (siehe "Das Geldsyndrom" und die Antworten auf Einwände von Helmut Creutz).
Zins-Lobbyisten stellen dem das Argument entgegen, daß es ein Nullsummenspiel sei, weil immer jemand die Zinsen als Einnahmen verbucht, sei es z.B. als Aktionär einer Bank oder Inhaber festverzinslicher Wertpapiere bzw. eines Sparbuchs. Auch das ist richtig, hat aber einen Haken. Zinszahlungen bedeuten immer eine Umverteilung zugunsten derjenigen, die mehr Geld besitzen, als sie benötigen. Die Grenze („Break-even“) verläuft z. Zt. bei rd. 150.000 €. Das heißt: Nur, wer mehr als 150.000 € besitzt, mit denen er Zinserträge erzielt, nimmt mehr Zinsen ein, als er (durch Lebenshaltungskosten) zahlt. Da die allerwenigsten Bürger 150.000 € besitzen, würde die überwältigende Mehrheit aller Bürger/Wähler von möglichst niedrigen Zinsen enorm profitieren. Und unser Staat, dessen Schulden wir durch Steuern zurückzahlen müssen, würde jährlich rd. 50 Mrd. € sparen.
Das Hauptproblem von Zinsen ist also die ewige Umverteilung des Geldes von Schuldnern zu Gläubigern, von Unternehmen und Verbrauchern zu Geldanlegern. Daß Banken und die von ihnen bezahlten „Experten“ diesen Sachverhalt ganz anders sehen, liegt in der Natur der Sache. Zinsen mehren aber nicht nur die Vermögen der Kreditgeber. Ein Teil der Zinsen deckt das Kreditausfallrisiko, ein weiterer Teil die Bearbeitungskosten der Banken. Selbst bei einem Zentralbank-Zinssatz nahe Null müßte der Zinssatz für Kredite bei ca. 5% liegen, um die Kosten und Risiken zu decken. Verschiedene in Umlauf befindliche Theorien, durch die Abschaffung von Zinsen die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen, können also nicht funktionieren.
Die Lösung ist grundsätzlicher. Das Problem ist nicht, daß die Zinsen zu hoch sind, sondern daß Unternehmen und Verbraucher überhaupt Kredite benötigen. Der Grund dafür liegt im fehlenden Eigenkapital, und der Grund für fehlendes Eigenkapital liegt im Steuersystem, das nicht nur Gewinne und Einkommen bei weitem zu stark belastet, sondern (durch die steuerliche Absetzbarkeit von Zinskosten) Kreditfinanzierungen gegenüber Eigenkapitalbildung stark bevorzugt. Wenn die Kreditwirtschaft ein Unternehmenssteuerrecht vorschlagen dürfte, würde es ziemlich genau so aussehen wie das deutsche. Wußten Sie eigentlich, daß 2003 z.B. 83 Bundestagsabgeordnete entweder Angestellte der Banken/Versicherungen waren oder von ihnen mit Beraterverträgen bezahlt wurden? Viele der von der Kreditwirtschaft bezahlten Abgeordneten sitzen in den Ausschüssen, die über die entsprechenden Gesetzesvorlagen entscheiden. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich die Entstehung unseres Steuerrechts logisch zu erklären (3.1., 7.4.1.).
Die Lösung des Zins- und Kreditproblems liegt also im Steuerrecht. Punkt 3.2. zeigt ein Steuersystem, das mit Ausnahme der Umsatzsteuer auf sämtliche Steuern verzichtet. Das bedeutet ideale Voraussetzungen, um Eigenkapital aufzubauen. Wer genug Eigenkapital hat, braucht wiederum keine Kredite. Sobald die Unternehmen ihre Investitionen und ihr Wachstum (mit Ausnahme sehr großer und gleichzeitig kurzfristiger Investitionen) selbst finanzieren können, ist das Zinsniveau nahezu irrelevant. Gleiches gilt für Verbraucher, die infolge eines sicheren Arbeitsmarktes und hoher Nettoeinkünfte (2.2. und 3.4.) keine Ratenkredite mehr aufnehmen müssen, die sie sich eigentlich nicht leisten können. Hingegen werden sie wesentlich mehr Kredite für Großanschaffungen aufnehmen (Immobilien und PKW) – sofern der Zins attraktiv (also niedrig) ist.
Existenzgründer, die mangels Sicherheiten ohnehin keinen Zugang zu Krediten erhalten, können aufgrund der Beseitigung der Arbeitslosigkeit und der Steigerung des Gehaltsniveaus (2.2.) sowie der Abschaffung von Sozialabgaben und Einkommensteuern (2.2.3., 3.2.) in relativ kurzer Zeit ein beträchtliches Startkapital ansparen. Der Kreditmarkt dreht sich also (parallel zum Arbeitsmarkt, siehe 2.2. und 2.3.) um 180°. Der Kunde wird vom Bittsteller zum König. Ist der Zinssatz zu hoch, sparen Unternehmen und Verbraucher lieber Eigenkapital an und lassen die Angebote der Kreditwirtschaft unbeachtet. Zum ersten Mal wird damit der Zins dem Gesetz von hohem Angebot und niedriger Nachfrage unterworfen – mit der Folge, daß das Zinsniveau und vor allem die Zinsmarge sinken.
Zinsen und Inflation - es ist genau umgekehrt
Was geschieht nun, wenn die Zinsen sehr niedrig sind? Die Volkswirtschaftslehrbücher behaupten, daß dann zwangsläufig die Inflation steigt. Niedrige/hohe Zinsen gelten als die Inflationsförderer/-bremser schlechthin.
Was ist eigentlich Inflation? Die durchschnittliche Steigerung des Preisniveaus (bzw. eines definierten Warenkorbs) einer gesamten Volkswirtschaft.
Was lässt Preise steigen? Fast immer die Erkenntnis der Unternehmen, daß es der Absatzmarkt hergibt. Einfluß von Zinssätzen: vernachlässigbar.
Schauen wir in Gabler’s Wirtschaftslexikon (13. Auflage, S. 1605): „… ist oft kaum zu klären, was Ursache und was Wirkung ist.“ Das ist doch mal eine ehrliche Aussage. Ursache und Wirkung. Das muß man sich genauer anschauen.
Die Lehrbuchvolkswirte untermauern ihre Behauptungen gern mit Grafiken, in denen die Zinskurven und Inflationskurven sehr ähnlich verlaufen. Wie entsteht diese nahezu parallele Entwicklung? Kurz nachdem die Inflation steigt, setzen die Zentralbanken den Zinssatz herauf. Steigt die Inflation weiter, setzen sie den Zinssatz ebenfalls weiter herauf. Es ist immer nur eine Frage der Zeit, bis die Inflationsrate (aus unterschiedlichen Gründen) wieder sinkt. Sie kann ja nicht ewig steigen. Kurz nachdem die Inflation sinkt, senken die Zentralbanken den Zinssatz. Je weiter die Inflation sinkt, desto weiter sinkt der Zinssatz – und zwar immer erst im Anschluß. Zinsen folgen also der Inflation, nicht umgekehrt. Ursache und Wirkung wurden also vertauscht.
Man kann die Grafiken auch so interpretieren, daß steigende Zinsen die Inflation nur noch weiter antreiben. Das ist auch logisch, denn jeder höhere Zinssatz steigert die Zinskosten von Industrie und Handel, was die Unternehmen wiederum durch Preiserhöhungen refinanzieren müssen. Steigende Zinsen wirken also auch inflationsfördernd. Hätten dagegen die Lehrbuchvolkswirte Recht, müßte grundsätzlich immer, nachdem die Zinsen erhöht wurden, die Inflation sinken – und umgekehrt. Dies ist durch o.g. Fakten widerlegt und tritt nur dann ein, wenn z.B. die Inflation bei steigenden Zinsen aus ganz anderen Gründen sinkt.
Lehrbuchvolkswirte begründen den Preisauftrieb niedriger Zinsen u.a. mit der Argumentation, daß Unternehmen bei sinkenden Zinsen mehr Kredite aufnehmen, um zu investieren und mehr zu produzieren. Wer etwas von Betriebswirtschaft versteht, weiß, wie unlogisch das ist. Warum sollte eine höhere Produktionskapazität und das damit verbundene höhere Angebot denn höhere Preise bewirken? Überangebote drücken die Preise. Hinzu kommt, daß niedrigere Zinskosten niedrigere Produktkosten ermöglichen, was in einem wettbewerbsintensiven Markt wie dem deutschen unzweifelhaft zu Preissenkungen führt. Und auch die Lieferanten für Produktionsanlagen sind keineswegs in einer Position, bei leicht anziehender Maschinennachfrage die Preise zu erhöhen und die potentiellen Kunden an Wettbewerber zu vergraulen. Das Gegenteil ist also logisch.
Unternehmen nehmen auch grundsätzlich keine Kredite auf, weil die Zinsen niedrig sind, sondern weil sie sie zum entsprechenden Zeitpunkt benötigen. Wenn Unternehmen Kredite wirklich benötigen, nehmen sie sie auch zu hohen Zinsen auf. Auch wenn sich ein Kredit zu 8% Zinssatz eher amortisiert als ein Kredit zu 12%, ist ein niedriger Zinssatz ein zwar vorhandenes, aber nachrangiges Kriterium. Konkret stelle man sich z.B. einen Firmenchef vor, der zu seinem Finanzchef sagt: „Müller, die Zinsen sind niedrig. Nehmen wir Kredite auf, um zu investieren. Spielt doch keine Rolle, daß wir am Markt nicht genug Produkte absetzen können, um die Kredite zu tilgen. Steht so im Lehrbuch. Also, Müller: Zinsen niedrig - Kredite aufnehmen!“ Das macht natürlich kein Kaufmann mit Praxiserfahrung. Unternehmen – vor allem mittelständische - haben nicht das Problem, zu teure Kredite zu bekommen, sondern überhaupt Kredite zu bekommen (siehe u.a. http://de.wikipedia.org/wiki/Basel_2).
Lehrbuchvolkswirte behaupten auch, daß Verbraucher bei niedrigen Zinsen mehr kaufen (also die Nachfrage erhöhen), woraufhin die Unternehmen (unter Annahme uralter Angebot/Nachfrage-Theorien) die Preise erhöhen.
Um dies zu prüfen, betrachte man zunächst die Größenordnung. Verbraucherkredite hatten 2004 in Deutschland ein Volumen von 129,2 Mrd. €. Das sind weniger als 5% aller Unternehmensumsätze, also gesamtwirtschaftlich relativ wenig. Hinzu kommen zwei Faktoren. Erstens: Mentalitätsbedingt bekommen Deutsche von Schulden Bauchschmerzen (im Gegensatz z.B. zu Amerikanern und Briten). Zweitens: 50% aller Deutschen haben bereits Schulden. Die Frage ist nun: Würden sich die Deutschen trotz ihrer Bauchschmerzen bei niedrigeren Zinsen noch mehr verschulden? Die Zahl der Verbraucher, die sich vom niedrigen Zinsniveau zu zusätzlichen Schulden hinreißen läßt, ist höchstwahrscheinlich dermaßen gering, daß die Unternehmen keinesfalls einen Nachfrageboom erleben werden. Also könnten sie im „Schnäppchenmarkt Deutschland“ die Preise nicht nennenswert erhöhen (siehe Verkaufsschwierigkeiten von PKW trotz Niedrigzinsangeboten).
Wahrscheinlicher ist, daß die Deutschen – sofern durch sinkende Zinsen der 30-40%ige Zinsanteil der Lebenshaltung günstiger wird, zunächst ihre Schulden reduzieren, wodurch der Kaufkraftgewinn an den Unternehmen vorbeiläuft. Und wenn rein hypothetisch der Fall einträte, daß die breite Masse der deutschen Konsumenten schuldenfrei wäre? Dann genügt ein Blick auf die seit 2002 sinkenden frei verfügbaren Nettoeinkommen (Nettogehälter/-renten, etc.), die u.a. aufgrund von Hartz-IV-/Minijobs und Sozialleistungskürzungen weiter sinken.
Selbst wenn die Verbraucher gemäß der Theorie der Lehrbuchvolkswirte aufgrund niedriger Zinsen mehr konsumieren, erzeugt der höhere Konsum also aus den o.g. Gründen keine höheren Preise. Damit scheiden die Verbraucher als Inflationstreiber ebenfalls aus.
Die Realität widerlegt auch bemerkenswert oft die Theorie, daß hohe Zinsen die Wirtschaft bremsen und niedrige Zinsen sie fördern. Großbritanniens Wirtschaft boomte z.B. in den 90er Jahren trotz horrender Leitzinsen von rd. 10-12%. In Japan dagegen liegen die Leitzinsen seit Jahren bei rd. 0,1% - ohne jeglichen Belebungseffekt. 2003 gab es zwar in Japan ein bescheidenes Wirtschaftswachstum, aber dies wurde lediglich mit riesigen neuen Schulden „geliehen“.
Wachstum und Inflation auf die Zinsen zurückzuführen ist ungefähr so, als ob man das unvermeidliche Grünwerden einer Ampel auf das Zinsniveau zurückführt. Früher oder später geschieht es sowieso – aber aus anderen Gründen.
Insgesamt
ist auch festzuhalten, daß Unterschiede im Zinsniveau zwar
seismographisch messbar sind, z.B. auf den Zinskonten der Unternehmen
und öffentlichen Haushalte. Aber wirklich spürbar sind sie
selten (sofern es sich nicht um Wucherzinsen handelt). Wie man
übrigens den Einfluß von Zinsen auf Aktienkurse
beseitigt/minimiert, zeigt Kapitel 5.
